Ostern heißt: Wunden heilen

2 04 2010

Karfreitag, 02. April 2010

Dennis Riehle, Konstanz

“Jesus ist tot” – “Jesus lebt”!

In den vergangenen Tagen bin ich desöfteren gefragt worden, wie ich das denn sehen würde, mit Ostern: “Glaubst du wirklich daran? Jesus – erst gestorben, dann wieder auferstanden?”.

Und eigentlich hatte man wahrscheinlich eine ganz andere Antwort von mir erwartet: “Mit dem Glauben an Tod und Auferstehung Jesu – damit habe ich keine Probleme…”, sagte ich. “… Viel eher fällt es mir schwer, jedes Jahr diesem Gefühlschaos zu folgen”.

Am Karfreitag begehen die protestantischen Christen ihren höchsten Feiertag im Kirchenjahr. Traurigkeit, Mitgefühl und tiefe Emotionen über das Leiden und die Pein Jesu am Kreuz, aber auch Dankbarkeit dafür, dass sich Jesus hingegeben hat, um uns unsere Sünden zu nehmen. Karfreitag – ein Tag von Buße, Reue und Sühne. Und damit auch ein Tag, an dem wir mit uns selbst ins Gericht gehen. Wir bedenken unserer Missetaten und bitten gerade heute besonders um die Gnade, die Christus uns als Gottes Sohn zuteil werden lässt. Für mich bedeutet dieser Tag große Nachdenklichkeit. In den Gottesdiensten wird oftmals von feierlicher Musik abgesehen, das Kreuz mit Dornen umschlungen, die triste Stimmung macht klar: Jesus verdeutlicht uns mit seinem Tod auch unsere Vergänglichkeit. Wir werden daran erinnert, dass auch unser Leben auf dieser Erde nicht ewig weitergehen wird. Am Karfreitag überwiegt zunächst die blanke Realität: Gewalt, Qual und Ungerechtigkeit – das ist in vielen Teilen der Erde Wahrheit und Wirklichkeit. Und auch, dass wir uns mit unseren eigenen Grenzen und Schranken beschäftigen müssen, fällt uns zwar schwer, doch erleben wir in unserem Alltag, dass die Leere schnell Einzug halten kann. 

In meiner engeren Bekanntschaft erlebte ich noch vor zwei Wochen, wie ein Mensch in relativ jungen Jahren durch schwere Krankheit sterben musste. Es schien gerade für die Angehörigen nichts zurück zu bleiben. Der Verlust war unbeschreiblich, der Gedanke an eine Zukunft weit entfernt. Aber es müssen nicht nur die extremen Beispiele sein: Mir berichtete vor einigen Tagen ein Mann in besten Jahren davon, wie er nach über zehn Jahren Betriebszugehörigkeit gekündigt wurde – er sei “rationalisiert” worden. Ein Ende ganz anderer Art: Wie oft stehen wir mit unserer – nicht nur körperlichen – Existenz an einem Abgrund und verzweifeln an den Fragen dieser Zeit?

Jesus wurde verraten. Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass er von Unmut, von Hass geprägt war. Man hatte ihn auflaufen lassen. Einer aus seinen Reihen war ihm in den Rücken gefallen. Da wurde aus einem Freund jemand, der nichts Anderes im Sinn hatte, als selbst besser dazustehen als Jesus, sein Herr. Neid, Missgunst und der Drang, sich durchzusetzen: Kennen wir das nicht auch aus unserer eigenen Geschichte? Sind wir nicht auch schon Opfer von Intrigen, Mobbing oder dem überhöhten Anspruch nach Leistung und Eerfolg geworden? Oder haben wir selbst einmal Unrecht gegenüber unseren Nächsten getan, Mitarbeitern, Kollegen, der Familie? Der Karfreitag tritt uns sehr nahe: Sehen wir uns als Jesus oder Judas? Als Opfer oder als Verräter? Wahrscheinlich als beides…

Und all das wirkt in drei Tagen oftmals bereits so vergessen. Mit Freuden verkünden wir die Auferstehung Jesu. Am Ostersonntag kommen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus: Ein Wunder, ein Zeichen, eine Botschaft. Christus ist unter uns! Tränen und Trauer, Angst und Scham, Leid und Pein weichen dem Geheimnis des christlichen Glaubens: Jesus ist nicht länger tot, er ist zurückgekehrt in diese Welt, um auch uns von unseren Sorgen und Nöten zu befreien. Wir sollen losgelöst und voller Hoffnung in die Zukunft gehen. Wer den Tod überwunden hat, der kann uns Zuversicht geben. Und welcher Ausblick kann uns den Schrecken vor dem Tod eher nehmen, als der der Auferstehung Jesu? Nein, er nimmt uns nicht nur die Sünden als Opfer für die Menschen. Er bringt uns auch das Licht zurück, das wir so oft in unseren grauen Tagen vermissen. “Eine freudige Nachricht breitet sich” – so besagt es ein Kirchenlied (EG 649, Regionalteil, M. G. Schneider, 1975). Und sie erreicht unsere Herzen, Gefühle und Gedanken.

Ja, wir erleben in diesen österlichen Tagen eine Achterbahnfahrt unserer Emotionen. Manch einem mag das zu schnell gehen. “Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt” – von Karfreitag zu Ostermontag gerade umgekehrt. In wenigen Tagen vom Angesicht des Todes Jesu und unserer eigenen Tiefen zur Unfassbarkeit, Freude und Dank an Gott, dass er uns seinen Sohn gesandt hat und an ihm demonstrativ seine Allmacht und Barmherzigkeit zeigt. Und warum mein Stehenbleiben, mein Atemstocken bei dieser rasanten Entwicklung? Ich frage mich: Kann das in unserem Leben auch so funktionieren? Umschalten von Tränen zum Lachen? Von Ausweglosigkeit zu Freiheit? Von Leiden zum Hoffen?

Nein, so kann es und so muss es nicht sein: Ostern macht uns deutlich, dass Verletzung nicht das Ende ist. Doch es gesteht uns zu, dass Wunden Zeit zum Heilen brauchen. Das geht nicht in drei Tagen. Gott ermutigt uns, dass wir durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes an unserem Leben dranbleiben. Erschütterungen reißen Gräben in unseren Alltag. Und wir brauchen kürzer oder länger, um die seelischen oder körperlichen Verwundungen zu verarbeiten. Gott hilft uns dabei. Er geht auch mit uns durch die Tiefen der Täler, hin zu den Gipfeln der Höhen. Er nimmt uns an der Hand, überwindet mit uns Sünde, Trauer und Leid. Durch die Menschen, die er uns an die Seite gestellt hat und die uns als Freunde, Eltern oder Bekannte begleiten, lernen wir das Wunder des Osterfestes kennen: Es geht nicht um einen Marathon in der Überwindung unserer Schicksale. Es geht um die Heilung von Wunden. Wir müssen nicht vergessen, wir können unsere Hilflosigkeit beklagen. Aber wir dürfen uns öffnen – und bereit sein für einen Blick nach vorne.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s




Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.