Mutter kommt von Mut

7 06 2010

Foto: Thomas Pompernigg

Gastbeitrag VON PATRICIA HAUN
wurde erstmals im Rheinischen Merkur veröffentlicht

Heute heißt es Umstand und Embryo statt Schwangerschaft und Kind. Der übliche Sprachgebrauch zeigt: Nachwuchs zu bekommen ist alles andere als normal. Und Großfamilien gelten oft als asozial.

„Ist alles in Ordnung, oder bist du schwanger?“, fragt mich meine Schwiegermutter mit strengem Ton, als ich von der gynäkologischen Untersuchung nach Hause komme. Sie hatte bereits befürchtet, was ich freudig erhoffte. Während ich noch versuche, die soeben erstmals gehörten Herztöne meines Kindes und die Gewissheit über das Leben in mir selbst zu verarbeiten, schlägt mir schon die raue Wirklichkeit unserer kinderfeindlichen Gesellschaft in nächster Umgebung entgegen. Beim Arzt lief alles nüchtern ab, trotzdem schießen mir die Tränen über dieses Wunder in die Augen, als ich den Fleck auf dem Monitor sehe, der sich heftig bewegt. Nun sehe ich das nicht zum ersten Mal – es ist bereits mein viertes Kind –, doch jedes Mal erlebe ich dieses Wunder intensiver. Für meine Schwiegermutter ist es eine mittlere Katastrophe. Sie kann nicht verstehen, dass ich mich über den Familienzuwachs freue. „Musste das denn sein?“, fragt sie mit Leidensmiene, nachdem sie mir sämtliche Gegenargumente aufgezählt hat. Ich höre schon das Getratsche im Dorf: „Können die nicht verhüten?“, „Sind drei Kinder nicht mehr als genug?“, „Die will wohl nicht arbeiten gehen?“ Es wird schwer werden, und es braucht Mut, dem zu begegnen.

Obwohl inzwischen jedem klar ist, dass in Deutschland massenweise Kinder fehlen, ist das gesellschaftliche Klima weit davon entfernt, kinderfreundlich zu sein. Dies lässt sich deutlich am Sprachgebrauch ablesen, auch wenn der aus einer früheren Zeit stammt, in der es in Deutschland noch genug Kinder gab. Eine Schwangerschaft ist ein Zustand, ein „anderer Umstand“. Das klingt nach dem Gegenteil von normal. Aber sollte es nicht die normalste Sache der Welt sein? Der Begriff „Umstandsmode“ war mir schon immer etwas suspekt. Zugegeben, manchmal ist es etwas umständlich, mit dickem Bauch Unkraut zu jäten oder mit den Kindern zu toben. Vielleicht kommt der Begriff daher, tröste ich mich. Aber so schlimm ist es doch nicht, dafür birgt dieser Umstand doch viel Geheimnisvolles, Staunenswertes und Kostbares. Über so viel Positives sprechen die wenigsten Menschen. Die heute gängigen Begriff sind zumeist negativ geprägt, bestenfalls medizinisch nüchtern. Reinhold Ortner, emeritierter Professor der Universität Bamberg, Diplompsychologe und Psychotherapeut, stellte einmal in einem Vortrag die Frage: „Warum darf ein Embryo kein Kind sein?“ Ja, warum sprechen wir von Embryo und Fötus, warum nennen wir das Kind nicht einfach beim Namen? Vielleicht, weil wir erst entscheiden müssen, ob wir es als Kind akzeptieren, buchstäblich annehmen wollen oder nicht?

Die Worte, die ausdrücken, was dieses Heranwachsen des Kindes im Mutterleib eigentlich bedeutet, sind längst veraltet und werden nicht mehr benutzt. „Gesegneten Leibes“ – das drückt für mich am ehesten aus, was da vor sich geht. Es ist ein Geschenk, das wir empfangen. Segen ist durch und durch gut. Wer würde einen reichen Segen ausschlagen? Aber gesegneten Leibes sein ist heute nicht mehr erwünscht. Selbstentscheidung, Zeitmanagement und Familienplanung sind die Schlagworte. Früher galten Kinder als Geschenk. Heute sind wir nicht mehr auf Gaben angewiesen. Wir nehmen uns, was wir brauchen, Unerwünschtes wird umgetauscht oder abgelehnt.

Auch der Ausdruck „Leibesfrucht“ ist altmodisch. Hat aber mit Fruchtbarkeit zu tun, was bei vielen Völkern der Erde ein Segen ist, um den gebetet wird. In unserer Welt ist Fruchtbarkeit oft nicht erwünscht. Stellt sich eine ungeplante Schwangerschaft ein, so ist diese leicht zu entfernen. Dann spricht man von Schwangerschaftsgewebe und Zellsuppe. Der kleine medizinische Eingriff wird Abtreibung genannt oder noch dümmer: Schwangerschaftsunterbrechung. Als könne man eine Schwangerschaft nach Belieben unterbrechen und wieder fortsetzen. Wir verschleiern mit unseren Worten die Wirklichkeit. Die Fruchtbarkeit als Geschenk Gottes wollen wir nicht annehmen. Das Geschenk wird quasi ungeöffnet zurückgegeben, dankend oder auch empört abgelehnt. Wir töten das Kind, das bereits seit Verschmelzung von Ei und Samenzelle besteht. „Das sind grausame Worte. Das kann man doch so nicht sagen!“, höre ich die empörten Gegenstimmen. Aber Mütter und Väter müssen nach der Abtreibung schließlich mit der Trauer um ihr Kind fertig werden. Wie das genau gehen soll, ist nicht Gegenstand der öffentlichen Diskussion.

Doch zurück zur Sprachuntersuchung. Was bedeutet Mutter? Ich persönlich glaube, dass es von dem Wortstamm Mut kommt. Mut braucht es nämlich, Ja zu sagen zum Muttersein. War früher das Gebären oft mit Lebensgefahr verbunden, so ist dies heute seltener dramatisch. Doch die Konsequenzen des Mutterseins, dies auch zu leben, braucht heute viel Mut. Zudem wird von den modernen Müttern erwartet, dass sie ihr Kind bald in Fremdbetreuung geben und dem Arbeitsmarkt wieder voll zur Verfügung stehen. Muttersein ist keinesfalls ein geachteter ehrenwerter Beruf, sondern wird als vorübergehender Zustand betrachtet, eine Lebensphase, die so nebenbei erfolgt. Weit gefehlt. Mutter ist man auf Lebenszeit.

Noch mehr Mut braucht es, Mehrfachmutter zu sein. Denn das gilt oft als asozial. Großfamilien werden belächelt und verspottet. Es passt nicht in die gesellschaftliche Norm, mehr als zwei Kinder zu haben. Wer setzt hier eigentlich die Maßstäbe? Ich wünsche mir zu Muttertag, dass wir unsere Wortwahl überdenken und den Sprachgebrauch korrigieren. Dass Kinder wieder willkommen sind, ob als erstes oder als fünftes Kind.

Patricia Haun ist freie Publizistin und Mutter von vier Kindern.

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8 06 2010
Alwis

Ist es in Deutschland noch so schlimm?

Als wir in Österreich vor fast 30 Jahren daran dachten, eine kinderreiche Familie zu gründen, bekamen wir auch Gegenwind.
Ich hatte als zukünftiger Vater sogar berufliche Schwierigkeiten, weil ich die Absicht kundtat, nicht dem Zeitgeist entsprechend zu leben.

Inzwischen ist die Stimmung in Österreich wesentlich kinderfreundlicher geworden. Also persönlich haben wir jetzt mit 8 Kindern keine Schwierigkeiten mehr. Im Gegenteil, wir – und hier vor allem meine Frau – werden oft für unseren Mut bewundert.

Und unsere Kinder werden von Mitschülern und Freunden oft beneidet, denn bei uns tut sich was.

Und die Freunde unserer Kinder sind gerne bei uns, sodaß wir den Tisch vergrößern müssen.

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