Europa im Ansturm von Multikultur

6 10 2011

von Inge M. Thürkauf

Multikultur ist seit einigen Jahrzehnten eine gesellschaftliche Wirklichkeit in unseren europäischen Ländern. Die Gruppe der Migranten, die die multikulturelle Diskussion in der westlichen Welt nachhaltig angestoßen und zu einem zentralen Diskussionsthema ausgeweitet hat, sind die Muslime. Wir sind nicht allzu weit davon entfernt, nicht nur in den Stammländern des Islam, sondern auch im westlichen Europa von einem „real existierenden Islam“ zu sprechen. Diese neue Konstellation ist dabei, sich zu einem bedrohlichen „Kampf der Kulturen“ auszuweiten. Um dies zu verhindern, versuchen nicht wenige Politiker und auch Vertreter der Kirche, sich auf die islamische Religion, die den eigenen Glauben doch nur bereichern könne, „einzulassen“ und erträumen einen Islam, den es nicht gibt und den selbst die Muslime so nicht wollen. Aufrichtige Muslime wehren sich gegen die Behauptung, beide Glaubensrichtungen hätten ein und denselben Gott. Ihnen ist sowohl der trinitarische Gott als auch die plurale Gesellschaft ein Greuel. Es sind die Muslime selbst, die die Verniedlichungsversuche der grün-roten Linken sehr scharf widerlegen.

Auch weigern sich islamische Staaten, die im Westen geltende Menschenrechtserklärung anzuerkennen, was deutlich zeigt, daß wir es hier mit einer politischen Ideologie zu tun haben, die mit den Werten und Normen unserer westlichen Staatssysteme unvereinbar ist. Die Unkenntnis (oder besser gesagt: das Nicht-wahrhaben-wollen) der Politiker und nicht weniger Vertreter der Kirche gegenüber der Wirklichkeit dieser Kulturkreise, die sich diametral gegenüberstehen, ist verstörend. Da im Koran Anklänge aus dem Alten und Neuen Testament zu finden sind, die den Anschein geben, die beiden Glaubensrichtungen hätten Ähnlichkeiten aufzuweisen bzw. nur unwesentliche Unterschiede würden sie trennen, entsteht die irrige Meinung, wir alle würden an einen Gott glauben. Eine intensive Beschäftigung mit dem, was der Islam beinhaltet und vor allem wer die Menschen sind, die im Kulturkreis des Islam leben, ist daher erstrangig. Dabei haben wir als Christen die Pflicht, zu unterscheiden zwischen Muslimen, also den Menschen und dem Islam, d. h. dem religiös-politischen Machtsystem.

Ein wesentliches Kriterium der beiden Glaubensrichtungen ist das völlig verschiedene Gottesbild und das entsprechend unterschiedliche Menschenbild. Der Muslim sieht sein Verhältnis zu Allah ausschließlich in der Beziehung des Herrn zu seinem Knecht, zu seinem Sklaven. Der Sklave beugt sich vor seinem Herrn mit der Stirn auf den Boden. Anders die jüdisch-christliche Stellung des Geschöpfs zum Schöpfer. Sie basiert auf einer Veranschaulichung Gottes und spricht vom Angesicht Gottes: „Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig“ (Numeri 6, 25f) lautet der aronitische Segen, und der im unzugänglichen Licht wohnende Gott (1.Tim 6, 16) sandte seinen Sohn, damit das Licht der Herrlichkeit Gottes sich zeige im Angesicht Jesu Christi.

Dieses konkrete bildhafte Anschauen Gottes lehnt der Muslim strikt ab. Schon gar nicht kann er Jesus als Gott anerkennen. Für ihn ist Jesus lediglich ein Geschöpf, ein Diener Allahs. Das Verhältnis des Christen zu Gott ist eine Vater-Kind-Beziehung. Auf die Bitte der Jünger hin: „Lehre uns beten“, antwortet Jesus: „So sollt ihr beten: Vater unser, der Du bist im Himmel…“ Für den Muslim ist die Anrede Vater oder Abba, was übersetzt werden kann mit Papa, Väterchen eine Blasphemie. Im Islam darf sich niemand mit der Liebe eines Kindes an Allah wenden. Sure 19,94 spricht davon, daß keiner in den Himmeln und auf Erden sich dem Erbarmer anders nahen darf, denn als Sklave.

Ein äußerst tragischer Aspekt im Islam ist der Mangel an Heilsgewißheit, auch für fromme Muslime. Da Allah allmächtig ist, schließt das mit ein, daß er völlig frei entscheiden kann, wen er am Ende annimmt und wen er verdammt. Allah, so sagt der Koran wörtlich, ist ein sehr launischer Gott, er schafft den einen im Zorn für die Hölle, den andern in einer Laune der Barmherzigkeit für die Gärten der Wonnen, für das Paradies. Nur der Martyrer kommt mit Sicherheit in die Gärten der Wonnen. Daher die erschütternde Zahl junger Menschen, die sich in einem Selbstmordkommando für den Islam opfern.

Es ist nachvollziehbar, daß ein ungewisses Lebensziel mutlos oder aggressiv macht, und es ist sehr wohl denkbar, daß die Gewaltbereitschaft der Muslime auch auf dem Hintergrund dieser Vorstellung eines Gottes wächst, der den Menschen grundlos in die Hölle verstoßen kann.

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11 responses

6 10 2011
simolnar

Vielen Dank für diesen Artikel!

6 10 2011
Carolus

Bravo! Man kann nicht oft genug die Gefahr der Islamisierung Mitteleuropas ansprechen. Wichtig ist auch zu sehen, dass Multikulturalisierung und Bevölkerungsaustausch von den transatlantischen Globalisten betrieben werden. So kamen z. B. in den 60er Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter nicht auf Betreiben der deutschen Wirtschaft, sondern durch Druck der Amerikaner nach Deutschland und wurden hauptsächlich im Staatsdienst beschäftigt. Und so hat sich ein Hochgradfreimaurer 1925 die Zukunft Europas vorgestellt: http://kreidfeuer.wordpress.com/2011/07/10/coudenhove-kalergi-praktischer-idealismus/

Dass Kirchenvertreter, sogar Konzilsväter und ein Papst, den Islam für eine dem Christentum vergleichbare Religion halten, scheint eine traurige Tatsache zu sein. Von Papst Benedikt weiß ich, dass er den Islam kennt (Salz der Erde, Regensburger Rede), und nehme an, dass ihm das Leben der Christen in den islamischen Ländern stärker am Herzen liegt als ein zu offenes Wort zu riskieren.

7 10 2011
cangrande

Politisch korrekt denkende Menschen begnügen sich damit, eine Meinung schon dann für falsch (bzw. unbeachtlich) zu halten, wenn sie sie z. B. mit dem Begriff “Biologismus” (hilfsweise: Kulturalismus) belegen können. (Also ggf. nicht weiterlesen – spart wertvolle Zeit!)

Gleichwohl würde es mich nicht wundern, wenn fremde Gastkulturen innerhalb anderer Wirtskulturen die gleiche Wirkung entfallten könnten wie im Bereich der Botanik die Neophyten (Neobioten) (z. B. das wunderschöne Drüsige oder Indische Springkraut, mit dem ich mich jetzt zufällig etwas näher beschäftigt habe – http://kinicounty.blogspot.com/2011/10/der-weiensee-in-fussen-eine-kirsche-in.html).

8 10 2011
Robert Harsieber

Wenn Sie Multikultur zum Feindbild erklären, dann nennen wir‘s einfach anders: Gott hat die Menschen als eine Familie geschaffen! Dass es in Familien Streitereien gibt, ist normal, wie wir wissen. Aber „Ein Hirt und eine Herde“ ist das Ziel. Sie arbeiten da eindeutig dagegen.
Der „real existierende Islam“ wird sich nur dann zum „Kampf der Kulturen“ ausweiten, wenn es Menschen gibt (auf beiden Seiten), die einen Kampf führen wollen. Dazu ist es notwendig, zuerst ein feindliches Klima zu schaffen. Das tut eine Minderheit im Islam und das tut eine Minderheit im Christentum. Es ist zu hoffen, dass diese Minderheiten Minderheiten bleiben.
Zugegeben, die „islamischen“ Minderheiten sind da schon weiter, aber das ist nicht der Islam, sondern da wird die Religion genauso missbraucht wie – noch nicht so lange her – das „Christentum“ in Irland. Auch da ging es nicht um Religion. Und wir brauchen nicht den Katholizismus schüren, um den Islamismus zu bekämpfen.
Verhindern kann man den „Kampf der Kulturen“ am ehesten, indem man negative Auswüchse nicht der Religion zuschreibt, sondern dem Egoismus, der Machtgier usw. der Beteiligten. Wer tiefer gehen will oder kann, darf auch nach den Ursachen und Motiven fragen. Die islamische Kultur war einst eine Hochkultur – Andalusien wurde in Europa als das Paradies auf Erden gehandelt. Wissenschaft, Astronomie, Mathematik usw. in Europa haben hier ihren Ursprung. Auch Aristoteles kam über arabische Übersetzungen erst wieder in den Westen. Dann hat sich das ganze umgedreht (Stichwort Wissenschaft, aber vor allem Kolonialismus, auf den wir nicht unbedingt stolz sein müssen!), und daraus resultiert ein verständlicher Minderwertigkeitskomplex heutiger Moslems. Dazu kommt, dass der heutige (aus Sicht der Moslems – aber fällt es uns so schwer, hier zuzustimmen?) Sittenverfall des Westens wenigstens eine moralische Überlegenheit suggeriert, um auf den Westen „herabzuschauen“. Sich in den anderen hineinzuversetzen ist oft heilsamer als das, was man nicht kennt, zu verteufeln.
Wer noch tiefer gehen will oder kann, darf auch nach den Differenzen und Gemeinsamkeiten der Religionen fragen. Ja, der Gott der Moslems ist nicht der Dreifaltige Gott der Christen. Aber dabei geht es um die menschliche Vorstellung. Gott selbst aber ist Einer! Ja, Moslems glauben nicht an die Göttlichkeit Jesus‘, der für uns „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist. Er ist es aber auch für die Moslems – ob die es glauben oder nicht. Sonst hätten sie kein Leben. Andererseits: Wir haben die Wahrheit in Jesus Christus – aber was bedeutet das? Gott ist rational nicht erfassbar, also auch für uns nicht! Man denke an die Apostel, die Ihn täglich erlebt haben, und wie schwer haben sie sich getan, ihn zu erkennen? Dieses „Erkennen“ ist wesentlich mehr als so daherzuplappern: Ich glaube an Jesus Christus. Gott ist unendlich mehr, als wir uns je vorstellen können. Wir können und dürfen uns daher keine Vorstellung machen („Du sollst dir kein Bild machen!“ – übrigens auch eine Gemeinsamkeit mit den Moslems), denn jede Vorstellung würde Gott begrenzen, wäre bereits ein goldenes Kalb.
Und: Ein wesentliches christliches Element ist die Barmherzigkeit Gottes. Er beurteilt uns nicht nach dem Ergebnis, sondern nach unserem Bemühen. Da kann ich mir vorstellen, dass Gott ein Moslem, der sich bemüht, Gott zu entsprechen, lieber ist als ein Taufscheinchrist, der sich sonst um nichts kümmert. Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Er wird Wege finden, sich Suchenden – aus welcher Religion auch immer – zu zeigen.
Moslems im Westen werden sich anpassen (auch was die Geburtenrate betrifft), die einen schneller, die anderen langsamer, aber diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, der kann sich niemand entziehen. Moslems haben einen weiten Weg vor sich, keine Frage. Da sie keine innere Identität haben (Der Islam ist mehr als alle anderen Religionen zersplittert), nehmen sie ihre Identität momentan vor allem aus der „Front“ gegen den Westen. Jedes neue Geleiere seitens der „Christen“ gegen den „bösen“ Islam stärkt diese künstliche Identität, und sie brauchen sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Ganz zu schweigen von den „Aktivitäten“ von Strache, Wilders und Konsorten, die nur verstärken, was sie angeblich bekämpfen – um sich selber (mangels eigener Werte) groß zu machen.
Und nicht zuletzt: Es gibt sehr wohl Moslems – in Arabien, im Westen, im Exil – die sich mit einer Reform, mit einem menschlichen Islam befassen. Die unterscheiden z.B. zwischen dem Kern des Koran (der in Mekka abgeschlossen war) und was dann historisch dazu kam. Die den Koran nicht wörtlich nehmen, sondern auslegen, wie das andere Religionen auch tun (sollten). Auch die Bibel spricht in Bildern, und bleibt unverständlich, wenn wir sie wörtlich nehmen wie die Zeugen Jehovas.
Es wäre besser (für die Moslems und auch für uns), wenn wir das Geifern lassen und diese neuen Bewegungen – die es sehr wohl gibt, über die aber die Kronenzeitung nicht schreibt – unterstützen. Das Positive zu fördern ist immer besser (und auch christlicher), als das Negative zu verdammen.

8 10 2011
Carolus

Ich hab vor einigen Jahren auch noch geglaubt, der Islam sei eine mit dem Christentum (und Judentum) vergleichbare Religion (Nathan der Weise etc.). Heute weiß ich’s besser. Aber ein jeder muss seinen eigenen Weg gehen und seine eigenen Erfahrungen machen. Auch wenn’s einmal zu spät ist.
Hier ein Interview in einem Zeitgeistmedium mit Bassam Tibi:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2742686/islamisten-sind-staerker-reformer.story („Die Islamisten sind stärker als wir Reformer“)

Doch das Wichtigste habe ich oben schon erwähnt: Dass die Moslems auch nur von den transatlantischen Globalisten missbraucht werden, um unsere christlich-abendländische Kultur zu zerstören.

(Zum „paradiesischen“ Andalusien: http://michael-mannheimer.info/2011/04/27/islamisches-spanien-der-mythos-vom-friedlichen-al-andalus/ Eugen Sorg)

9 10 2011
Robert Harsieber

Wenn die Islamisten stärker sind als die Reformer, was ja stimmt, dann liegt es eben auch an uns, daran zu arbeiten und die Reformer zu stärken. Ist ja genau, was ich gemeint habe.
Und zum paradiesischen Andalusien: Friedlich war damals gar nichts, weder der Islam, noch die Kreuzzüge. Die Zeit war eine andere als heute, da stimme ich völlig zu. Und Mythen ranken sich um beide und noch vieles andere. In den Schulen wird außerdem meist nicht dem Mythos Andalusien gefrönt, sondern diese Zeit völlig ignoriert.
Tatsache ist, wir leben heute in einer Welt, in der Grenzen nicht mehr aufrechtzuhalten sind. Entweder wir arbeiten für ein fanatisches Abgrenzen (wie damals), oder für ein mehr oder weniger friedliches Miteinander.

8 10 2011
cangrande

@ R. Harsieber:
Es ist gut, gut zu sein; weniger gut ist es freilich, blauäugig zu sein.

Das entscheidende Trennmerkmal zwischen den Muslimen und dem Westen sehe ich nicht primär im dogmatischen Bereich der Religionen, sondern in deren Stellung in der Gesellschaft. Unsere Gesellschaft ist säkular bestimmt, die islamische von Religion durchtränkt. Und das sind, wie man in der Türkei, und demnächst wohl zunehmend auch in Nordafrika sehen kann/wird, keineswegs aussterbende Tendenzen.

Der andere Problempunkt ist die Rolle der Familie (im weiteren Sinne, also Clan). Das ist nicht religionsspezifisch; Clanismus und den damit eng verbundenen Klientelismus sehen wir ja auch in Griechenland am Werk. Aber innerhalb des Islam scheinen mir dieses vormoderne Familiensystem und die Religion (in welcher dogmatischen Ausformung auch immer) doch stark amalgamiert zu sein.

Mehr darüber, dass bzw. weshalb die Überwindung des Clanismus eine Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft ist, können Sie z. B. in dem Buch “THE CULTURE OF CITIZENSHIP: Inventing Postmodern Civic Culture” by Thomas Bridges
(SUNY Press, 1994) lesen. (http://www.chss.montclair.edu/civsoc/cultofcit.txt)

Und der Islam steht nun einmal tendenziell in der Summe eher gegen diese Moderne, ist aber andererseits ein sehr vitales System: fortschrittlich und vital sind wohl nicht immer identisch.
Insofern besorge ich durchaus, dass islamische Bevölkerungsteile (die ja auch kulturell sehr abgekapselt sind, selbst diejenigen, die sich auch in “unserer” Kultur gewandt bewegen) und damit auch deren Kultur einen wachsenden Einfluss in unserer Gesellschaft gewinnen könnten (denkbar z. B. auch über eine Verbindung mit christlichen Fundamentalisten!).

Sie stellen mir allzu sehr auf den einzelnen Menschen ab (sowie auf religiöse Inhalte); insoweit hatte ich noch nie Probleme, wenn ich (gelegentlich) mit Muslimen zu tun hatte.
Aber auch die ersten Christen waren ja bekanntlich liebe nette Menschen – bis sie dann die Macht hatten, die anderen zu unterjochen.

Die Kultur wird zwar von Menschen gemacht; sie wird dann aber etwas Eigenständiges, das u. U. sehr viel stärker ist als die einzelnen Menschen. Deshalb ist Wachsamkeit schon wichtig. Wenn man einmal auf der schiefen (Kuschel-)Ebene liegt, kann man auch sehr schnell runterrutschen.

9 10 2011
Robert Harsieber

Stimme völlig zu, dass zwischen Religion und Gesellschaft unterschieden werden muss. Wobei Gesellschaft eben oft nicht Religiondurchtränkt (das wäre ja nocht harmlos), sondern Religion missbrauchend ist.
Auch beim Clanismus stimme ich zu, wenngleich es da auch in der modernen österreichischen Politik neue Formen des Clanismus gibt ;-)
Und zur Moderne: Fortschritt ist realistisch gesehen nie nur gut oder nur schlecht. Aufklärung z.B. hat vieles besser gemacht (Aberglauben beseitigt etc.), hat aber auch eine enorme Einschränkung des Weltbilds gebracht. Ist also auch nicht das Ende der Entwicklung.
Was uns begegnet, sind immer Menschen und nicht der Islam. Wachsamkeit ist natürlich das Um und Auf. Und was kaum beeinflussbar ins Negative umschlagen kann, das kann genauso gut im Positiven passieren – wie es ja auch beim Fall der Berliner Mauer so war.

9 10 2011
cangrande

Danke an carolus für den Link zum Mannheimer-Blog. Zur Frage der islamischen ‘Brücke’ von der Antike zur westlichen Kultur, bzw. auch zu der zeitweisen zivilisatorischen Überlegenheit islamischer Welten, habe ich selbst schon vor einiger Zeit unter “Inventions, Science and Technology in the Muslim World” (http://beltwild.blogspot.com/2007/09/inventions-science-and-technology-in.html) gebloggt.

@ Harsieber:
Auch wenn ich nicht Ihrer Meinung bin, erscheinen mir Ihre Blog-Einträge bei flüchtiger Durchsicht anspruchsvoll. Das ist immer ein Plus!

Im Übrigen hätte ich freilich von jemandem, der folgende Textstelle (doch wohl zustimmend) zitiert, eine etwas skeptischere Einstellung in Sachen ‘Kulturenkonflikte’ erwartet; zumindest kann man auf dieser Passage (von Ernst Mayr) eine skeptischere Einstellung theoretisch fundieren:

Die Welt des Lebendigen ist nicht die Welt der Physik. Die Entwicklung der Biologie, die sich im 17. und 18. Jahrhundert herausbildete, wurde daher in allen wissen­schaftsphilosophischen und -theoretischen Fragestellungen bis in die heutige Zeit weitgehend ignoriert. Das führte nicht nur dazu, dass die (auch wissenschaftliche) Eigenständigkeit von Biologie, Psychologie, Soziologie usw. kaum in den Blick kam, sondern auch dazu, dass das Weltbild der Physik (der Mechanik) zum allgemeinen Weltbild der westlichen Welt avancierte – wodurch letztlich auch das Menschenbild durch ein Weltbild substituiert wurde und Wissenschaft zur Ideologie mutierte.

10 10 2011
Robert Harsieber

Der Hintergrund dieser Textstelle ist, dass Naturwissenschaft eine Theorie einfacher Systeme ist. Sie kann nur die Wirklichkeit in Einzelteile zerlegen, isolieren und diese Fragmente analysieren. Diese isolierten Fragmente haben dann allerdings mit der Natur nichts zu tun, denn die ist komplex und alles hängt mit allem zusammen. Mit diesem Denken sind wir nicht in der Lage, menschliche, komplexe Phänomene zu beurteilen. Daher sind mir auch alle Aussagen über den „bösen“ Islam zu naiv. Wie sich der Islam hier weiter entwickelt, hängt nicht nur von den Moslems ab, sondern auch vom gesamten Umfeld. Lineare Extrapolationen – der Geburtenrate, des Fanatismus etc. – sind dann nicht mehr möglich und damit sinnlos. (Ein deutscher Mathematik-Professor hat mir einmal gezeigt, dass man nicht einmal voraussagen kann, was es bewirkt, einen Euro auszugeben oder nicht).
Man muss tatsächlich skeptisch sein, aber vor allem darin, was ein lineares, schwarz-weiß-malerisches Denken überhaupt mit der Wirklichkeit zu tun hat. Und man darf fragen, ob es uns einmal möglich sein wird, die komplexe Natur – auch unsere eigene und die der Gesellschaft – wenigstens annähernd zu erfassen. Aber erst dann könnten wir halbwegs seriös über Kulturen diskutieren. Ansätze gibt es sehr wohl, aber wir haben uns um 1900 aus der Ideen- und Wissenschaftsgechichte ausgeklinkt. Eben weil wir der komplexen Wirklichkeit (noch) nicht gewachsen sind.

10 10 2011
cangrande

@ Robert Harsieber

Manchmal schlägt man sich gegenseitig die Köpfe ein und weiß gar nicht (mehr), worum es eigentlich geht.

Worum sollte es sinnvoller Weise gehen? Aus meiner Sicht weniger darum, ob die Muslime (in der Mehrheit oder in der Stoßrichtung ihrer Kultur) so oder so SIND, sondern was daraus werden kann. (Dazu muss man natürlich zunächst einmal wissen, was vorhanden ist: einerseits “ideologisch”, was hier mehr oder weniger mit religiös zusammenfällt, andererseits im kulturell geprägten Verhaltensrepertoire.)

Und zwar weniger in Afghanistan oder Indonesien (was zwar auch nicht unwichtig ist), sondern in welcher Weise / mit welchen Folgen sich die moslemischen Elemente in unserer Gesellschaft entwickeln, wie sie sich zu ihr verhalten könnten.
Bzw. wie wir uns zu ihnen, weniger als Einzelpersonen, als vielmehr als kulturellem Phänomen in unserem eigenen Interesse zweckmäßiger Weise verhalten sollten.

Da ist es schon gut, sich (z. B. mit Thilo Sarrazin auf der praktischen Ebene und anderen – wie hier etwa Inge M. Thürkauf – aus der ideologischen Perspektive) sehr genau die negativen Seiten anzuschauen, und lieber nach der Seite der Vorsicht irren.
Also konkret: Integration einfordern, Nachzug von anatolischen Bräuten so möglichst unterbinden, bei der Einwanderung nicht “Macht hoch die Tür” singen – auch nicht bei jenen, die sich mit Gewalt über Lampedusa usw. in unsere Gesellschaft hineindrängen wollen.

Andererseits wäre völlige Abschottung natürlich auch nicht gut; die Maginot-Linie hat Frankreich seinerzeit auch nicht geschützt. Nur ist es wichtig, dass wir die Einwanderung beschränken, dass wir sie ausgewogen gestalten und nicht, weil zufällig schon viele Türken hier sind, immer mehr davon reinlassen (während z. B. intelligente und strebsame Asiaten draußen vor der Tür stehen bleiben). Und dass wir ihnen selbstbewusst gegenübertreten und eine weitest gehende Eingliederung in unsere Kultur, insbesondere unsere Rechtskultur, einfordern und durchsetzen.

Soweit ich mit Muslimen zu tun hatte, waren das fast immer sehr freundliche und sympathische Menschen. Denen will ich als Individuen auch keine bösen Absichten unterstellen, aber sie sind eingebunden in ihre Kultur; ihre Kultur ist großenteils mit unserer “rationalen” wissenschaftlich-technischen Kultur, unser Ethik und unserer Rechtskultur sowie besonders unserem Verständnis von der unbedingten Priorität des Staates über die Familie (Clan) nicht kompatibel.
Vielleicht ändert sich das, und was die Ideologie angeht, ist ja auch das Christentum ziemlich kraus (die rituelle Einverleibung des Blutes und Körpers des Herrn Jesus ist eigentlich ja ziemlich starker Tobak). Aber man muss es ja nicht darauf ankommen lassen und nicht naiv sein wie die Linken, die in einer moslemisch dominierten Kultur ohnehin die ersten Opfer wären.

Was Ihre allgemeinen erkenntnistheoretischen Überlegungen angeht, kann ich Ihnen betr. Komplexität nur recht geben.

Allerdings könnte es sein, dass ein wissenschaftliches Erkennen unserer Gesellschaft aufgrund des Rückkoppelungs-Effekts unmöglich ist. Sehr anschaulich hat z. B. George Soros in seinem Essay “The Capitalist Threat” (online z. B. hier: http://www.mtholyoke.edu/acad/intrel/soros.htm) diese Kritik formuliert. In dem Moment, wo wir einen z. B. ökonomischen Zusammenhang durchschaut haben, nutzen wir ihn aus oder versuchen ihn zu verändern. Und mit der dadurch bewirkten Veränderung im Gesamtsystem (die wir dann erst wieder durchschauen lernen müssten) ist unsere alte Erkenntnis schon wieder hinfällig.

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