Der Disput um die Sterbehilfe

26 06 2010

Aktiv, passiv oder überhaupt nicht?

von Dennis Riehle, Konstanz

Der deutsche Bundesgerichtshof hat mit einer „wegweisenden“ Entscheidung – wie es die Medien formulieren – neue Richtlinien für den Umgang mit der Sterbehilfe gesetzt. In einem Urteil, das als grundsätzliche Aussage über das „würdevolle Sterben“ des Menschen gewertet wird, wurde die passive Sterbehilfe als rechtskonform beschrieben – solange, wie sich der Patient gegen lebensverlängernde Maßnahmen ausgesprochen hat und unabhängig davon, wie die äußere Einschätzung (von Ärzten, Pflegekräften oder Angehörigen) ausfällt.

Der Wille eines Patienten und dessen Freiheit, sich für den Tod zu entscheiden, wenn keine Aussicht auf Heilung oder Besserung eines „menschenunwürdigen“ Zustandes besteht, wird nach Ansicht des Gerichts als Maßstab dafür angesetzt, wie sich die Umgebung des Betroffenen in der letzten Lebensphase zu verhalten hat. Der uneingeschränkte Zuspruch der Richter, den Wunsch des Kranken respektieren zu müssen und dafür Sorge zu tragen, dass dieser eingehalten und ihm nicht widersprochen wird, wird einerseits als Meilenstein für die individuelle Freiheit des Menschen gesehen. Andererseits tun sich nicht nur bei den Formulierungen Fragen und Zweifel auf.

Recht bald nach dem Urteil traten neben den erleichterten Stimmen der Kläger und einem Jubel derer, die in der Liberalisierung der Sterbehilfe einen Fortschritt für mehr Menschlichkeit sahen, auch die Einwände auf, die bei solch einer Diskussion unabdingbar sind: Ist Sterbehilfe überhaupt mit dem Grundgedanken eines geschenkten Lebens vereinbar? Wo setzen wir die Unterscheidungen zwischen einer „aktiven“ und „passiven“ Sterbehilfe? Wie kann ich sicher gehen, dass der Patient seinen Willen tatsächlich eindeutig und ohne äußere Beeinflussung geäußert hat?

Auf viele dieser Fragen soll die „Patientenverfügung“ eine Antwort geben: In ihr wird festgehalten, was sich ein Mensch für den Fall unveränderbaren Leidens an Schläuchen, mit künstlicher Ernährung und im Dauerkoma wünscht. Dabei hat das Gericht festgehalten, dass das Abstellen eines lebenserhaltenden Gerätes als passive Sterbehilfe rechtens ist. Ein vorsätzliches Herbeiführen des Todes durch die Gabe einer Übermenge an Arzneien dagegen wird als aktive Sterbehilfe untersagt.

Man kann mit gutem Gewissen fragen, an welchen Stellen hier eine Unterscheidung getroffen werden kann. „Aktiv“ wird man auch bei der „passiven“ Sterbehilfe. Mit einem Knopfdruck, mit einem Durchtrennen der Zufuhr von Nahrung oder anderem Abschalten von Geräten, die einen Menschen am Leben erhalten. Die Krux der modernen Medizin, die ein Leben am Leben erhalten kann, eröffnet an dieser Stelle überhaupt erst eine Diskussion, die aus ethischer und moralischer Sicht kaum zu einem zufrieden stellenden Ergebnis führen kann.

Die Richter hielten auch fest, dass bereits eine verbindliche mündliche Zusage eines Patienten als Verfügung angesehen werden kann. Der Nachweis, dass solch ein Gespräch geführt wurde, wird in den seltensten Fällen nachgewiesen werden können. Und auch die Gewissheit, ob sich ein Mensch bei seinen Äußerungen in einem Zustand befindet, der als rechtlich verbindlich betrachtet werden kann, ist nach Ermessen auslegbar.

Das Justizministerium sieht keinen Handlungsbedarf, diese Grauzonen nochmals deutlicher zu definieren. Und macht damit den Weg frei für Deutung, Interpretation und Abwägung über das Leben eines Menschen. Unbestritten scheint auch, dass über das Thema Sterbehilfe diskutiert werden muss. Natürlich sind solche Debatten notwendig, wenn wir uns in einem Zeitalter befinden, in welchem uns die Technik ermöglicht, selbst „Herr“ über Anfang und Ende des menschlichen irdischen Daseins zu spielen – so meinen es die Befürworter. Gleichzeitig müsste man auch fragen: Offenkundig ist das Vertrauen der wissenschaftlich Vernarrten in ihre Erfolge doch nicht so groß, dass sie in Erwägung ziehen, sich auch über folgenden Gedankengang bewusst zu werden: Ein Patient, der aus medizinischer Sicht heute als nicht heilbar gilt, kann – bei zunehmenden Möglichkeiten und Entwicklungen – vielleicht nächstes Jahr als rehabilitierbar angesehen werden. Doch dann könnte es zu spät sein: Der Griff zum Schalter der Atemmaschine war vielleicht bereits getätigt worden – so, wie es der Patient „verfügt“ hat.

Klar scheint eines: Alle Entscheidungen in die Richtung von stärkerer Freiheit für den Menschen entfernen sich von dem Vertrauen in einen Tod, der nicht durch uns selbst bestimmt wird. Leid, das heute schnell als unerträglich und als nicht zumutbar betrachtet wird, verführt zu voreiligen Entschlüssen, einem Schöpferwillen zuvor zu kommen. Wie kann es ein liebender Gott zulassen, dass ein Mensch in seinem hilflosen Zustand länger durchhalten muss? Die Anschuldigungen an denjenigen, der das Leben gegeben hat, werden groß, wenn er dieses Leben nicht zu einem Zeitpunkt beendet, an dem es uns für sinnvoll erscheint.

Dass der Mensch den Absichten Gottes aber nicht so einfach in die Karten schauen kann, wie er es bei seinem medizinischen Vorankommen in Wissenschaft und Forschung erhofft, wird dabei außer Acht gelassen. Nein, wir können in so vielen für uns nicht nachvollziehbaren Momenten kaum begreifen, welche Absicht Gott damit verfolgt. Wer Sterbehilfe zulässt, muss sich nicht nur bewusst werden, dass sein Handeln auf den irdisch und für unser Denken rationell eingeengten Horizont und dessen engen Spielraum an Möglichkeiten beruht. Er muss sich auch verdeutlichen, dass sein Tun dem eigenen Streben nach der Vollkommenheit des menschlichen Einflusses widerspricht. Und nicht zuletzt bleibt anzumerken: Sterbehilfe mag vielleicht dem von Entmutigung und Hoffnungslosigkeit geprägten menschlichen Willen entsprechen, durchkreuzt möglicherweise aber vorzeitig den Willen Gottes – und damit einen in sich, und für uns manches Mal Kopfschütteln auslösenden, Plan, der nicht nur Wendungen und Überraschungen, sondern stets auch ein Geheimnis in sich birgt, welches wir durch unser Großmachen unserer Freiheit dann nicht mehr erleben dürfen. Mit Sterbehilfe stirbt nicht nur ein Leben, sondern auch die Hoffnung auf das Unerwartete.





Erst ein Embryon, jetzt ein Bakterium

24 05 2010

Das künstliche Erschaffen von Erbinformationen

von Dennis Riehle

Es wurde gefeiert wie eine Weltsensation: Im April verkündeten Forscher zunächst, aus den Erbinformationen von drei Erwachsenen das Erbgut für einen Embryonen zusammengestellt zu haben, welcher ein Durchbruch auf dem Weg hin zum Ausschluss von genetischen Erkrankungen bereits im Vorhinein der Entstehung des Lebens darstellen würde. Hier ging es explizit um die Gewissheit, Schwächen der Mitochondrien, dem Motor des menschlichen Energiestoffwechsels, von Beginn an keine Chance zu geben.

Welch eine Wundervorstellung! Denkt man an diesem Beispiel weiter, kommt zukünftig jeder Mensch gesund auf die Welt – und bleibt es wahrscheinlich auch! Ein Traum für ein Leben ohne Leid, ohne Schmerz und ohne Krankheit. Und nicht nur das: Mittlerweile benötigen die Wissenschaftler nicht einmal mehr die Vorlage der Erwachsenen. Rund einen Monat nach der ersten Sensation folgte nun die noch viel größere:

Erstmals ist es gelungen, Erbinformationen, die denen eines natürlichen Lebewesens, ja, gar denen eines Menschen ähnlich, wenn nicht sogar identisch sind, künstlich zu erzeugen. In einem Bakterium wurde das Erbgut gezüchtet – und damit die Steilvorlage für die Kreation von Zellen, DNA und einem irgendwann kompletten Körper gelegt.

Was soll ich sagen, der ich heute mit einer Erkrankung der Mitochondrien konfrontiert bin? Muskeln, die wegen einer zu langsamen Verstoffwechselung und Bereitstellung von Energie täglich schmerzen, taub und lahm werden und mir manchen Tag zu einem dunklen und finsteren Moment verkommen lassen? Ja, zunächst war es doch ein wenig Freude, ich gebe es zu. Eine menschliche Freude, die sicher vollkommen natürlich ist. Ist mit ihr doch die Hoffnung verbunden, dass – zwar, wenn auch nicht mehr mir, weil meine Genetik vorbestimmt ist, dafür aber denen, die nach mir auf diese Welt kommen werden – in Zukunft junge Menschen nicht mehr alle Untersuchungen, alle Therapien und all die Herausforderungen auf sich nehmen müssen, wie es neben mir Millionen andere derzeit tun.

Und doch kam plötzlich die Angst: Eine Welt, auf der nicht mehr Menschen aus natürlicher Zeugung, sondern aus dem Gutdünken und der Tagesstimmung eines Forschers leben und so geschaffen wurden, wie Eltern es sich wünschen. Ja, dann bekommt der Begriff des „Wunschkindes“ ganz neue Bedeutung. Und man stelle sich vor: Kinder wurden dann geschaffen. Im Labor, am Schreibtisch, in Pipetten. Bisher übernahm das Gott, er hatte einen Plan, eine Vision, wie er uns machen möchte und was er mit uns vorhat. Und alsbald soll diese Allmacht in die Hände einiger Wissenschaftler fallen?

Nicht nur die Vorstellung, dass über die wahllose Zusammenstellung der Erbinformationen schlussendlich nicht nur der Ausschluss von Krankheiten möglich sein wird, sondern auch die Schaffung des Menschen mit all seinen Einzelheiten, Persönlichkeit, Körpermerkmale – ein Gedanke, der zum Schaudern anregt. Wie schnell würde das Geschenk des Geheimnisses vergehen? Die Geburt würde nicht mehr zum Augenblick des Staunens, sondern zum Moment des ohnehin erwarteten und vorprogrammierten auf die Welt Kommens eines Kindes, das maßgeschneidert wurde.

Ist bei dieser Perspektive, irgendwann aus Models zu bestehen, aus kantenlosen Geschöpfen, die sich vor lauter Perfektion ihrer eigenen Schwäche nicht mehr sicher wären, einer Menschheit aus Arroganz, einem Wettbewerb um die besseren, schöneren und glanzvolleren Eigenschaften, einem Miteinander, das aus Neid, Egoismus und dem Drang, seine Nachkommen nach eigenem Willen vorherbestimmt und nicht mehr dem Schicksal eines neutralen, eines unparteiischen Machers des Lebens überlassend, besteht, nicht die Vorstellung eine bessere, auch bei noch so schwerem Eingestehen so manches Leid doch zu ertragen?

Stelle ich mir die Waage der Entscheidung vor – auf der einen Seite das Laster von Schmerz und Lied, auf der anderen die Vision der vom Menschen designten Welt – so muss ich mich in meiner Verantwortung für das, was ich in meiner Lebenszeit mitbestimmen kann, dafür aussprechen, lieber Erkrankung zu erdulden, statt mit der Schuld irgendwann von der Erde zu gehen, die Zeit nach mir durch einige wenige Mitgeschöpfe bestimmen und damit eventuell in eine Kälte aus Unmenschlichkeit und in einen Kampf um die ideale Gestaltung der Lebewesen verkommen zu lassen.

Ohnehin: Woran soll der zukünftig vom Lied befreite Mensch reifen, wenn er nicht die Tiefen und Täler des Lebens durchschreiten kann? Auch wenn die Ungerechtigkeit der Verteilung von Schicksal und Last in dieser Welt immer wieder zum Himmel schreit, wäre sie ohne das persönliche Erleben von Dunkelheit leer von Weisheit und Einfühlsamkeit. Leid, der Anstoß zum Überdenken der eigenen Situation, der Impuls zur Dankbarkeit und der Beginn möglicher Umkehr, ist notwendig, um dem Menschen Gefühle und Reflexion zu geben.

Ja, Forscher haben sich nicht nur gewagt, das Territorium Gottes zu betreten und damit in eine Ordnung der Welt einzugreifen, die unser Miteinander im Ausgleich hält, sondern sind offenkundig auch bereit, die Menschheit einer Eigenschaft zu berauben, die schmerzlich zu dulden, aber unumgänglich zum Lernen ist: Leid und Schmerz sind nicht etwas, was weg zu forschen ist. Sie sind Bestandteil eines natürlichen Auf und Ab, das Persönlichkeit und Charakter prägt – dafür braucht es nicht die Phantasie der Wissenschaft.





Ist der Embryo ein Mensch?

23 12 2009
Foto: Ed Uthman, MD

Gastbeitrag von Inge Thürkauf

Überlegungen zur Biotechnologie

Die Frage nach dem Menschsein des Embryos wird schon seit Jahrzehnten in ungezählten Publikationen kontrovers diskutiert. Biotechnische Manipulationen wie Klonen, Stammzellforschung Präimplantationsdiagnostik (PID) sind Schlagworte, die täglich die Medien beschäftigen. Dabei wird genügend Widersprüchliches vertreten, was es dem interessierten Fachfremden oft erschwert, sich hinter dem Wust von Informationen zurechtzufinden.

Der Terminus Embryo bezeichnet das Entwicklungsstadium des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt der Befruchtung bis zum dritten Monat. Danach spricht man von einem Fötus. Diese medizinisch technischen Begriffe haben sich auch im täglichen Sprachgebrauch etabliert. Es gab Zeiten, in denen man in Bezug zum werdenden Leben von einem „Kind“ sprach. Embryo und Fötus hingegen versachlichen das was hinter diesen Begriffen liegt: den Menschen mit seiner personalen Würde. Eine Mutter in Erwartung wird davon sprechen, daß sie ein Kind erwartet und nicht einen Embryo, einen Fötus oder gar einen Zellhaufen. Der Embryo ist also ein Jemand und nicht ein Irgendetwas, über das ohne moralisch-ethische Bedenken verfügt werden kann. Für jene, die den Embryo zum Zwecke des Experimentierens glauben gebrauchen und verbrauchen zu können, darf er jedoch kein voller Mensch sein, vor allem nicht ein von Gott geschaffenes Geschöpf. Mit einem selbstorganisierten Produkt der Evolution läßt es sich viel unbeschwerter experimentieren.

Bei der Beschreibung von Lebensvorgängen des Menschen genügen nicht allein Darstellungen molekularer und biologischer Vorgänge. Die Sichtweise des Biologen ist notwendig, jedoch nicht hinreichend. Der Mensch ist mehr als was mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden kann. Was ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet, ist seine Geist-Seele-Einheit, und diese prägt auch seine Gestalt, die sowohl eine quantitative als auch eine qualitative Dimension besitzt. Mit dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei und Samenzelle beginnt das artspezifische menschliche Leben, ein neues Individuum entsteht, das sich kontinuierlich als Mensch und nicht zum Menschen entwickelt. Nur das Erscheinungsbild ändert sich im Laufe seiner Entwicklung. Der Mensch ist dadurch „der ganz Andere der Schöpfung“ mit einer menschlichen Identität und Würde ausgestattet. „Entweder ist das Ich da oder es ist nicht da; daß ein Un-Ich zuerst ein Vor-Ich, dann ein Kaum-Ich und dann – immer icher werdend – ein Ich-bin-Ich wird, ist so undenkbar wie ein viereckiger Kreis“ (Max Thürkauf). Daß dies in der heutigen Diskussion um die verbrauchenden embryonalen Stammzellen bestritten wird, ändert nichts an der Tatsache. Genügend wissenschaftliche Beweise sind vorhanden. Nicht zuletzt durch die „Humanembryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt“, die Rekonstruktionen der menschlichen Frühentwicklung zeigt. Der Göttinger Anatom und Humanembryologe Erich Blechschmidt hat in jahrzehntelanger Forschungsarbeit zeigen können, daß die Entwicklung des menschlichen Embryos sich von Anfang an von jener der tierischen Embryonen klar unterscheidet. Diese Arbeit von hoher wissenschaftlicher Präzision ist frei von jeder Spekulation. Es handelt sich ausschließlich um wissenschaftlich erwiesene Tatsachen. Für biotechnische Manipulationen im Bereich der embryonalen Stammzellenforschung sind die ersten Tage nach der Fertilisation relevant. Vor allem in diesem Zeitabschnitt bedarf es des Auges des Fachmanns, um den Menschen schon dann an seiner Gestalt erkennen zu können, wenn erst wenige Tage seit seiner Empfängnis verstrichen sind.

Ungeachtet der Studien, die begründete Zweifel an der Tauglichkeit embryonaler Stammzellen zu therapeutischen Zwecken anmelden, wird immer noch die Verheißung auf Heilung für Krankheiten, für die bisher wenig Heilungschancen bestanden, propagiert. Nicht wenige Forscher stehen jedoch einem therapeutischen Einsatz embryonaler Stammzellen skeptisch gegenüber. Die Gefahr einer unkontrollierten Gewebewucherung, d.h. Tumorbildung, ist groß. Mit der Verschiebung des Stichtags wird impliziert, daß die Möglichkeit, durch embryonale Stammzellen Heilungserfolge zu erzielen, in unmittelbare Nähe gerückt sei. Dies ist irreführend. Mit moralisch verwerflichen Mitteln soll ein gutes Ziel erreicht werden, mit andern Worten: „Laßt uns Böses tun, damit Gutes geschieht“ (Röm 3,8). Daß sich die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen als Fehlschlag erwiesen hat, sollte nach den bekannt gewordnen Erfolgen mit adulten Stammzellen einsichtig geworden sein. Selbst Jan Wilmut, der Schöpfer des Klon-Schafs Dolly, hat sich von dieser Embryonen verbrauchenden Wissenschaft distanziert. Daher stellt sich die Frage, was Verantwortungsträger veranlaßt, an einer Forschung festzuhalten, die sowohl ethisch als auch wissenschaftlich nicht zu verantworten ist?

Eine Antwort gibt uns der 2003 verstorbene Biochemiker von internationalem Rang, Erwin Chargaff, in seinem posthum veröffentlichten Werk „Stimmen im Labyrinth“: „Die Wissenschaft ist längst zur Technologie geworden, ist zur Herstellung von Entdeckungen um des Geldes willen herabgesunken.“ Wie tief der Fall ist, zeigt sich in den Anstrengungen der „commis Voyageurs der Wissenschaft“, sich die Rechte ihrer Forschungsergebnisse zu sichern. „Sie beraten Regierungen und flüstern ihnen zu, welche Förderprogramme aufzulegen und welche Gesetze abzuschaffen sind. Sie sind Unternehmer und Lobbyisten in eigener Sache. Statt um pure Erkenntnis ringen sie heute vornehmlich um den größtmöglichen Profit.“