Machtsymbole im Kreuzfeuer

29 11 2009

Schweiz ohne Minarette? Europa ohne Kruzifixe?

Kommentar von Dennis Riehle

Die Schweiz stimmt heute darüber ab, ob in der Verfassung ein Verbot des Baus von Minaretten verankert werden soll. Nach letzten Umfragen wird das von der Schweizer Volkspartei SVP lancierte Referendum von einer Mehrheit der Bürger zurückgewiesen. Damit könnten zu den bereits vier bestehenden Minaretten im Land weitere hinzukommen (Allerdings berichtet das Schweizer Fernsehen in seiner ersten Prognose: Mit großer Überraschung erwartet das Politikforschungsinstitut GFS nach ersten Trends doch eine Zustimmung zum Minarett-Verbot; Stand: 12.30 Uhr. So meldet als erster Kanton Glarus 8750 Befürworter der Anti-Minarett-Initaitive, dagegen stimmen nur 3250).

Die Argumentation der Gegner von weiteren Minarettbauten konzentrierte sich zumeist auf die Darstellung, dass ein Minarett nicht wie ein Kirchturm nur religiöses Symbol ist, sondern vor allem einen Machtanspruch darstellt.

Kommt diese Behauptung aus bloßer Emotion oder ist die Befürchtung, dass Minarette tatsächlich den Beginn einer Islamisierung in Europa darstellen würden, gerechtfertigt?

Viele Befürworter des Baus von Minaretten pochen stets neu auf die Einhaltung der Religionsfreiheit, die man auch dem Islam zusichern müsse, Zeichen der Präsenz zu setzen. Allerdings liegt schon in der Begrifflichkeit der Religionsfreiheit das eigentliche Problem, das die Diskussion anfacht: In wie weit kann sich der Islam im Vergleich beispielsweise mit dem Christentum als Religion allein bezeichnen?

Nach vielen Jahrhunderten Konflikten haben wir in der christlichen Welt heute eine zumindest weitgehende Trennung von staatlicher und kirchlicher Macht. Im Islam konnte diese Trennung bei weitem noch nicht erreicht werden – im Gegenteil: In vielen arabischen Ländern sehen wir bis heute eine deutliche Einflussnahme des Islam auf politische Entscheidungen; ja, man kann sogar sagen: In einigen Teilen der Welt ist der Islam Gesetz.

Und gerade aus dieser Perspektive erscheint die Initiative aus der Schweiz, über die zwar in ganz Europa diskutiert wird, über die aber nur im Alpenstaat auch vom Volk entschieden wird, in einem anderen Licht.

Kann ein Koran, der deutlich politische Signale setzt, der Verbote und Gebote aufzeigt, der klare Handlungsanweisungen an seine Gläubigen gibt und der schlussendlich auch an vielen Stellen zu Radikalität aufruft, in solch einer Debatte außen vor gelassen werden?

Die Bibel wird auch von vielen Christen bis heute als Grundlage ihres Lebens wahrgenommen. Doch nur noch selten wird damit der Anspruch verbunden, die Aussagen der Heiligen Schrift auch in das politische Alltagsgeschäft einzubringen – zumindest nicht als wortwörtliche und undifferenziert stehen gelassene Botschaft, deren Inhalt eins zu eins umzusetzen, sondern deren Appell zu hören ist.

Dass die Religionsfreiheit jeodch offenbar nicht überall gleich interpretiert wird, zeigen Entscheidungen europäischer Gerichte: Neben dem Machtsymbol Minarett beschäftigte die Öffentlichkeit auch die Entscheidung der obersten eurpäischen Richter zum Machtsymbol Kruzifix. Nach Ansicht der Verfassunghüter ist der staatliche Bildungsauftrag an europäischen Schulen durch das Aufhängen eines Kreuzes in Klassenzimmern beeinflusst. Neutralität im Unterricht stehe an oberster Stelle, so wurde argumentiert. Klar ist: Ein Kruzifix in Schulen ist nicht zum ersten Mal Streitpunkt in Europa. Gerade auch in Deutschland wurde deshäufigeren schon darüber diskutiert, ob nicht um des Glaubensfriedens willen auf jegliche religiöse Zeichen in den Klassen verzichtet werden sollte.

Diejenigen, die Gleichberechtigung fordern, achten jedoch in der Frage über Kreuze im öffentlichen Bereich nicht darauf, dass das Kruzifix keinen Hang zur Beeinflussung aufweist. Im Gegensatz zu oftmals Freiheit nehmend wirkenden Symbolen anderer Religionen verbindet das Kreuz eine lange Geschichte von Emanzipation. Das Krufix lädt ein, Frieden zu stiften. Es verweist uns zurück in die Historie, in der wir durch den leidenden Jesus erfahren durften, dass Gnade in uns wirkt. Das Kreuz ist Teil einer Botschaft aus Hoffnung, Verbundenheit und Zuversicht – nicht allein die christliche Religion verwendet es als Ausdruck einer klaren Aussage: Das Leid, das wir tragen, erdrückt uns nicht. Wir können darauf vertrauen, dass Gottes Sohn in unsere Welt kommt und uns erlöst. Eine Vorhersage, die Freude bringt, aber auch zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Das Kruzifix ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass Menschen Perspektive bekommen. Gerade in einer Bildungseinrichtung ist solch eine Ermutigung von großer Bedeutung. Offenbar konnten die Richter nicht erkennen, dass das Kreuz nicht allein religiöses Zeichen ist, sondern Sinn stiftet.

Egal, wie die Abstimmungen ausgehen: Die Ängste der Menschen vor einer Einflussnahme von Religion auf die Politik sind ernst zu nehmen. Wir brauchen Werte in unserem politischen System, jeodch dürfen sich Gesetze und Verbote nicht durch von Glauben geprägte Gefühle und Forderungen beeindrucken lassen. Das, was Religion an Wahrhaftem und Konstruktivem in unsere Gesellschaft einbringt, müssen wir ihr als Innovation und Anregung abgewinnen. Doch darf auch ein kritikloses Übernehmen von Phrasen und Aufrufen aus göttlichen Büchern und von führenden Gläubigen nicht dazu führen, dass weltliche Politik nicht mehr für den Menschen gemacht wird, sondern auf verschiedene Formen des Höchsten ausgerichtet ist, ohne dabei zu beachten, dass Missgunst, Anstoß zu Gewalt und Intoleranz gestreut wird. Dies gilt für den Islam – aber auch für das Christentum. Religion ist Wegweiser, Stütze und Begleiter – und allein Gott selbst kann Macht ausüben. Dafür braucht er weder Symbole, noch menschliche Verteidiger.


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2 responses

29 11 2009
schreibfreiheit

Das Minarettverbot wurde eindeutig mit 57% der Stimmen bestätigt!

Die trauen sich was, die Schweizer, Gratuliere!

Gadaffi wird jetzt endgültig verlangen, dass Europa die Schweiz militärisch angreift und auflöst. Warum dieser Mensch noch nicht in einer geschlossenen Anstalt ist, ist mir sowieso unerklärlich.

Der ORF berichtet unter http://orf.at/091129-45283/index.html

30 11 2009
Nikita Bondarev

„Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – Ein ironischer Artikel zu diesem Thema http://freidemzen.wordpress.com/

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