Zu viel Protest(antismus)

24 01 2010

Kommentar von Dennis Riehle 

Die neue EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Margit Käßmann, trat in den ersten Wochen ihrer Amtszeit so offensiv wie kaum einer ihrer Vorgänger in die Öffentlichkeit. Bereits Tage nach ihrer Wahl machte sie deutlich, dass sie keine stumme Repräsentantin der Evangelischen Kirche in Deutschland sein wolle. Mit einer wechselvollen biografischen Geschichte erweckte sie zunächst Misstrauen, besonders in der evangelikalen, orthodoxen und katholischen Welt. Und schnell wurde deutlich: Margot Käßmann ist im Vergleich zu ihrem vorherigen Kollegen, Bischof Prof. Huber, nicht diejenige, die ausgleichende und sanfte Töne sucht, um Missstände, Probleme und gesellschaftliche Konfliktthemen anzusprechen.

Sei geißelte ihre eigene Kirche, warnte vor einer zu leblosen Christengemeinschaft, die „unpassende“ Mitglieder auszugrenzen drohe. Nicht zuletzt aufgrund des Umstandes ihrer eigenen Scheidung ist Käßmann Anwältin derer, die nicht das Leben führen, was man in strenggläubigen Kreisen gemeinhin als „vorbildlich“ bezeichnet. Sünde ist für sie nicht das Ende, sondern Anfang zum Neubeginn. Und so war es auch kein Wunder, dass sie ebenso im Zeitalter der EKD einen Neustart hinlegte. Offen sprach sie den zunehmenden Mitgliederverlust an, die Unattraktivität der Kirche für junge Menschen und das Festhalten am Althergebrachten.

Gemeinsam mit der Präsidentin der EKD-Synode, Göring-Eckardt, mit der sie die weibliche Dppelspitze der Protestanten in Deutschland bildet, griff sie ebenso schnell aber auch in die politischen Debatten Deutschlands ein. Kritik an den Gesundheits- und Sozialsystemen, mahnende Worte gegenüber der Entwicklungspolitik und schlussendlich die Provokation, für die Käßmann bis heute in der Kritik steht: In ihrer Neujahrspredigt 2010 verurteilte sie ohne Scham den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan. Die Bischöfin trieb ihre „Fundamentalopposition“ (wofür sie nicht nur aus den Reihen der Regierungsparteien scharf attackiert wurde) auf die Spitze: „Nichts sei gut“ am Hindukusch. 

Was pazifistischen Vereinigungen im Land in die Hände spielte, trieb Bundeswehrverbänden die Wut ins Gesicht. Der Eindruck, dass die Soldaten in Afghanistan gegen den Willen Gottes handelten, würde zu einer unnötigen Entmutigung der Streitkräfte führen und Schuldgefühle loslösen, die dem Einsatz überhaupt nicht dienlich seien. Käßmann wurde in einem Gespräch mit Verteidigungsminister zu Guttenberg nach Afghanistan eingeladen, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Und trotzdem schien das vorläufig nichts an ihrer Meinung zu ändern, als sie verkündete, ihre Predigt mit den gleichen Worten jederzeit wiederholen zu können.

Käßmann ist eine polarisierende und politisierende EKD-Ratsvorsitzende. Von der Reformation ist den evangelischen Christen der Mut zum Protest geblieben. Schon immer gestattete sich die Evangelische Kirche weitaus schärfere und kritischere Worte zu aktuellen politischen Debatten in Deutschland – und hatte dabei nicht selten auch die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Doch unabhängig von jeder Position – wie in diesem Fall zur Afghanistan-Strategie der Bundesregierung – sitzt die evangelische Kirche damit sehr viel eher dem Verdacht auf, ihren Aufgaben und Verpflichtungen im Beeich von Seelsorge, Verkündigung und Mission nicht mehr gerecht werden zu können. Oder anders formuliert: Man mag den Eindruck nicht los werden, die neue EKD-Ratsvorsitzende nutzt ihre politische Ader dazu, um dem zu entgehen, was die EKD wirklich beschäftigt: Ja, die Protestanten in Deutschland sind durchaus in einer Richtungsfrage stecken geblieben. Die Ortsgemeinden drohen durch Kirchensteuerausfälle zunehmend in der Handlungsfreiheit gelähmt, die Projektversuche zur Modernisierung und Vermarktung der evangelischen Kirche versinken in der Hilflosigkeit der Landeskirchen aufgrund des trotz aller Versuche nicht umkehren wollenden Trends zu noch mehr Kirchenaustritten. Und nicht zuletzt ist die Entscheidung bis heute nicht gefallen, wie die EKD mit den vielen Strömungen innerhalb ihrer eigenen Reihen umgehen will. Bibeltreue oder Main-Stream-Evangelisation? Tradition oder Popularismus? Dass die evangelische Kirche zunehmend Probleme mit dem eigenen Zusammenhalt und den ideologischen Vorstellungen der zuküfntigen Ausrichtung der Kirche hat, wird von der neuen Strategie der EKD-Ratsvorsitzenden überdeckt und beiseite geschoben. Sie betätigt sich eher auf politischer Bühne und folgt ihrem eigenen Leitbild. Dass Käßmann dabei eventuell auf eine falsche Interpretation Luthers Reformation setzt, zeigt sich in ihrem fragwürdigen Verständnis vom Umngang mit gesellschaftlichem Konflikt: Protest der Protestanten.


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