Passion

30 03 2010

Dieser Tage begehen die Christen das Gedächntis des Leidens Jesu Christi.

Die Nicht-Christen werden davon nicht allzuviel mitbekommen, weil „Ostern“ in den letzten Jahrzehnten wieder zu einem Frühlingsfest zurückmutiert ist. Der Tod und die Auferstehung Jesu Christi hat sich aus weiten Teilen der Bevölkerung im deutschen Sprachraum verflüchtigt.

Das liegt unter anderem daran, daß Theologen, also eigentlich „Gottesgelehrte“, den überlieferten Glauben uminterpretiert haben und daß – wie bei Hans im Glück – auch der Schleifstein dann noch verlorengeht. Viele Christen sind diesen „Theologen“ gefolgt, Katholiken wie Protestanten, und haben selbst Uminterpretationen oder Weginterpretationen des biblischen Befundes mitgemacht. Die Ungläubigen haben sich dann gesagt: Wenn die Christen selber das nicht mehr ernstnehmen, müssen wir es auch nicht ernstnehmen. Der Papst in Rom ist ja für viele zu weit entfernt, da kann man ja nicht nachschauen, was die Kirche eigentlich lehrt. Auch Bibel und Katechismus sind nur schwer zu beschaffen: Die psychologische Hürde ist zu hoch. Es wäre ja auch zuviel verlangt, sich eine BEGRÜNDETE Meinung zu religiösen Fragen zu verschaffen.

Nun, das ist nun einmal unsere Situation. Aber was hat die Passion Christi und ihr Gedächtnis auf einem politischen Blog zu suchen?

Die Passion Christi deckt die Gewalt in der Gesellschaft auf. Weil die Christen das Gedächtnis an das Leiden des Herrn treu bewahrt haben – es findet sich in vier Evangelientexten detailreich aufgezeichnet – wissen sie um die Mechanismen von Lüge, ungerechter Anklage und Gewalt sehr genau Bescheid. Sie wissen um die plötzlich entstehenden Freundschaften unter Feinden, die, wie Pilatus und Herodes über der Verwerfung des Wahrheitszeugen zu Freunden werden. Das Volk des Alten Bundes und die römischen Okkupatoren und ihre Hilfstruppen arbeiten plötzlich – nicht ganz, aber fast – reibungslos zusammen.

Christen wissen aufgrund der Geschehnisse der Passion Bescheid um das Organisieren von falschen Zeugen. Über aktuelle Bezüge braucht man wohl kein Wort zu verlieren.

Aufgrund der Erinnerung an die Passion wissen Christen auch um das Versagen des ansonsten guten und bewährten Römischen Rechts. Der Landpfleger Roms, ein Provinzdiktator mit einem noch nicht ganz toten Gewissen allerdings, will sich seine Karriere nicht wegen eines galiläischen Wanderpredigers verderben. Das Recht, obwohl eindeutig auf der Seite des Angeklagten, hilft dem Angeklagten nichts, wenn der Richter „demokratisch“  oder „populistisch“ ist, also auf der Seite der aufgewiegelten Volksmassen steht. Darum sind Christen zu ihrer Staatsführung loyal, aber wissen, daß über dem Recht und seinen Exekutoren noch eine höhere Instanz steht: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Auch hierüber muß man sich über aktuelle Bezüge wohl nicht sehr verbreiten.

Aufgrund der Passion Jesu wissen die Christen auch, daß nicht jede „religiöse“ Autorität an sich schon für Gerechtigkeit, Wohlwollen, Treue und Liebe eintritt.

Aufgrund der Passion wissen die Christen, daß gegen alle und jeden ein Schauprozeß inszeniert werden kann, wenn es politisch opportun ist. Der Fall kann eintreten, daß weder Recht, noch Richter, noch religiöse Autoritäten, noch sonst irgendjemand hilft.

Und schließlich wissen wir Christen aufgrund der Passion Jesu um das Grauen der Sünde. Am freiwilligen Opfer Jesu wird das Böse offen sichtbar, alle Einflüsterungen des Bösen, die sich zur Abwendung von Gott, zur Unterdrückung, Folter und Ermordung ungezählter Menschen auswirkten. Es hat keinen Sinn, die Sünde zu leugnen. Hier tobt sie sich sichtbar aus.

Das gibt uns Christen schließlich das sichere und unbezweifelbare Wissen, daß alle irdische Ordnung nur vorläufig ist, so gut und gerecht sie im Einzelfall sein mag (also etwa nicht in der gegenwärtigen EU). Das macht uns zu einem politisch nicht ohne weiteres manipulierbaren Faktor, weil der in Gott verankerte Mensch idealerweise letztlich unabhängig und unbestechlich ist. Er glaubt ohnehin nicht, daß politische Maßnahmen zum totalen Glück aller führen werden.

Er weiß auch, daß nach der Passion die Auferstehung kam. Das Grab ist leer. Auch das ein subversives Politikum, wie man an der Reaktion der beteiligten Verschwörer sieht. Darum klingt auch das uralte Osterlied so subversiv:

Christ ist erstanden von der Marter alle./Des solln wir alle froh sein/Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

In diesem Sinne wünsche ich allen p. t. Lesern von Schreibfreiheit, den gläubigen und den ungläubigen, gesegnete Kartage und die Freude und den Trost von Ostern.


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3 responses

30 03 2010
Zelina

Ich persönlich finde Folter extrem schlimm und durch nichts zu rechtfertigen. Allerdings denke ich sind da weniger die Folterer strafrechtlich zu belangen sondern eher die Menschen die das anordnen. Ich habe mich etwas mit dem Milgram Experiment beschäftigt und da kommt ganz klar zum Ausdruck, wie die Menschen manipuliert werden. Gut ich bin erst am Anfang meiner Psychologie Studien, aber die Ergebnisse des Milgram Expirements sprechen einfach für sich.

31 03 2010
Siwla

Danke für diesen Aufsatz.
Mich erschüttert jedes Jahr besonders die Liturgie am Palmsonntag.
Der Gottesdienst beginnt mit dem großartigen Einzug in Jerusalem.
Die Massen jubeln Jesus zu.
Und dann hören wir keine halbe Stunde später die Leidensgeschichte.
„Ans Kreuz mit ihm“, schreien die aufgewiegelten Massen.
Wie wankelmütig ist doch das Volk!
Und wie bedrückend ähnlich geht es auch heute zu!

Doch wir wissen im Glauben:
Nach dem Karfreitag kommt der Ostermorgen.

13 04 2010
nora

danke, herr jesus, dass du für unsere sünden am kreuz bezahlt hast. wir sind frei durch dein teueres blut von golgotha. danke himmlischer vater, dass du uns durch deinen sohn in deine gnadenwelt aufgenommen hast. danke im namen von unserem herrn jesus. amen

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