Ein Satz, der unbeachtet blieb…

18 05 2010

Zu Margot Käßmanns Worten über die „Pille“ auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag

von Dennis Riehle

Jubel, minutenlanger Applaus und Sympathien wie für einen Pop-Star: Nein, dieses Mal war es nicht der Papst, der von einer Menge begeisterter Christen erwartet wurde. Es war Margot Käßmann, ihres Zeichens ehemalige Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und damalige Bischöfin der hannoverschen Landeskirche. Sie hatte nach einer Alkoholfahrt am Steuer die Konsequenz gezogen und von ihren Ämtern zurückgetreten.

Und ihre Anhänger erwarteten ihre Rückkehr mit großer Spannung: Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München sollte es soweit sein. Das erste Mal nach ihrem Abtritt war Margot Käßmann wieder bereit, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. An einer ganzen Reihe von Veranstaltungen nahm sie teil. Bei ihrem ersten Vortrag konnte man oben stehende Eindrücke wahrnehmen. Und auch, wenn ihr Fachexperten für Körpersprache noch ein sehr unsicheres und gar von Scham behaftetes Auftreten bescheinigten, war Margot Käßmann auf dem Rednerpult schon wieder die „alte Mahnerin“, die nicht nur in Deutschland in ihrer kurzen Amtszeit an der Spitze des deutschen Protestantismus mit so mancher Aussage für Aufsehen und Entsetzen gesorgt hatte.

Unbequem war sie auch dieses Mal wieder, nahm nichts von ihren politischen Forderungen zurück, beispielsweise bekräftigte sie erneut die Notwendigkeit eines Abzugs deutscher Truppen aus Afghanistan. Eine ganze Folge von Botschaften gingen über die Lippen von Margot Käßmann, nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche wurden von ihr abgehandelt. In so manchem Moment hatte man den Eindruck, sie vereinige die Generalabrechnungen mit Politik, Kirche und Gesellschaft in einer Rede.

Und nachdem sie in ihren zahllosen Auftritten auf dem Kirchentag kaum noch mit etwas Neuem aufhorchen lassen konnte, platze ein Satz aus ihr heraus, der für einige Minuten in den Nachrichtensender des deutschen Fernsehens als „Breaking News“ gehandelt wurde: Anlässlich des 50jährigen „Jubiläums“ der Pille ließ Margot Käßmann verlauten: „Die Pille kann man als ein Geschenk Gottes ansehen!“. Und weiters führte sie aus, dass die „Geburtenkontrolle“, die nun seit einem halben Jahrhundert durch die Pille möglich geworden sei, viele segensreiche Momente brachte . Und sie ging noch weiter: Durch die Pille sei eine „Liebe ohne Angst“ möglich geworden, „eine verantwortliche Elternschaft“ sowie auch eine zurückgegangene „Sorge der Frauen um die eigene und die Gesundheit ihrer Kinder“.

Im Liebfrauendom, in einer der bekanntesten deutschen katholischen Kirche, hatte Käßmann diese Worte gepredigt – und kurzzeitig einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Doch nicht einmal wenige Tage danach scheint die Meldung schon wieder aus allen Zeitungen verschwunden, keine Nachrichtensendung erinnert mehr daran, dass Käßmann verteidigte, wenn sich Menschen zu Gott machen. Die ehemalige Bischöfin hat nicht nur eine Toleranz der „Pille“ gezeigt, die dieser Tage wie ein Wunderwerk gefeiert wird; nein, Margot Käßmann trieb Gott ein Paradoxon in die Arme, das eines Vergleiches in der Kirchengeschichte sucht.

Der Schöpfer, der den Mensch gemacht hat, um sich fortzupflanzen, schenkt der Welt die Pille? Gott wurde ja in der Vergangenheit schon so manchen irrwitzigen und widersprüchlichen Verhaltens bezichtigt; doch eines der umstrittensten menschlichen Werke in Bezug auf den Eingriff in die Gestaltungs- und Allmachtsvielfalt Gottes als Präsent des Schöpfers für seine eigenverantwortlich handelnden Menschen anzusehen, ist eine Anmaßung ohne Kommentar.

„Liebe ohne Angst“, so Käßmann, würde die Pille in die Welt bringen. Dass die Schwangerschaft eine manchmal kaum zu ertragende Entscheidungslast mit sich bringe, das mögen wir durchaus auch schon aus kirchlichem Mund gehört haben. Dass das Geschenk des Himmels, das zur Welt bringen von Kindern, mittlerweile zur „Angst“ degradiert wird, zeichnet nicht nur eine radikale Verschärfung des Main-Stream aus, sondern macht die Verzerrung von Wert und Würde in christlich-liberalen Kreisen deutlich. Offenbar scheinen auch die Protestanten mittlerweile nur noch mit Polemik und Popularismus dem wachsenden Druck sich entziehender Mitgliederströme gewachsen zu sein. Egoismus für die Frau und ein „Ist mir doch egal, was aus dieser Welt wird – Hauptsache, ich habe meinen Spaß“-Denken hat nichts mehr mit Emanzipation zu tun, sondern spiegelt eindeutig ein Hier-und-Jetzt-Verhalten wieder, welches der Grundlage der christlichen Hoffnung zuwider läuft: Die Verantwortung für Gottes Schöpfung und das Vertrauen auf ein Leben in der Ewigkeit.

Ein Satz von Margot Käßmann, der so schnell in Vergessenheit geriet, hat möglicherweise den Ansatz für eine neue Runde der Diffamierung des eigenen Glaubens in der eigenen Kirche geliefert. Und damit auch den Anstoß für eine Gleichgültig in der Gesellschaft, in der der Nächste nur noch als Zweck und ein Fundament im Bekenntnis als Hürde in der Persönlichkeitsentfaltung angesehen wird.


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2 responses

18 05 2010
Felizitas Küble

Ausgezeichneter Kommentar, der die Sachlage mutig auf den Punkt bringt!
Allerdings ist der Käßmann-Satz pro Pille vielleicht in den Mainstream-Medien schnell vergessen (worden), aber im katholisch-konservativen Lager sorgt er nach wie vor für heiße Debatten, was man zB in „kath.net“ nachlesen kann.

21 05 2010
Abitene

Ja, gut gesagt. Enttäuschend, um nicht zu sagen alarmierend in diesem Zusammenhang ist die fehlende Gegendarstellung von Seiten der deutschen Bischöfe. Mindestens Erzbischof Marx hätte dieser Provokation in seinem Bistum energisch gegenübertreten müssen, finde ich. Siehe unseren Artikel:

http://wegwahrheitleben.wordpress.com/2010/05/17/angriff-auf-die-kirche-aus-ihrem-inneren-heraus/

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