Erst ein Embryon, jetzt ein Bakterium

24 05 2010

Das künstliche Erschaffen von Erbinformationen

von Dennis Riehle

Es wurde gefeiert wie eine Weltsensation: Im April verkündeten Forscher zunächst, aus den Erbinformationen von drei Erwachsenen das Erbgut für einen Embryonen zusammengestellt zu haben, welcher ein Durchbruch auf dem Weg hin zum Ausschluss von genetischen Erkrankungen bereits im Vorhinein der Entstehung des Lebens darstellen würde. Hier ging es explizit um die Gewissheit, Schwächen der Mitochondrien, dem Motor des menschlichen Energiestoffwechsels, von Beginn an keine Chance zu geben.

Welch eine Wundervorstellung! Denkt man an diesem Beispiel weiter, kommt zukünftig jeder Mensch gesund auf die Welt – und bleibt es wahrscheinlich auch! Ein Traum für ein Leben ohne Leid, ohne Schmerz und ohne Krankheit. Und nicht nur das: Mittlerweile benötigen die Wissenschaftler nicht einmal mehr die Vorlage der Erwachsenen. Rund einen Monat nach der ersten Sensation folgte nun die noch viel größere:

Erstmals ist es gelungen, Erbinformationen, die denen eines natürlichen Lebewesens, ja, gar denen eines Menschen ähnlich, wenn nicht sogar identisch sind, künstlich zu erzeugen. In einem Bakterium wurde das Erbgut gezüchtet – und damit die Steilvorlage für die Kreation von Zellen, DNA und einem irgendwann kompletten Körper gelegt.

Was soll ich sagen, der ich heute mit einer Erkrankung der Mitochondrien konfrontiert bin? Muskeln, die wegen einer zu langsamen Verstoffwechselung und Bereitstellung von Energie täglich schmerzen, taub und lahm werden und mir manchen Tag zu einem dunklen und finsteren Moment verkommen lassen? Ja, zunächst war es doch ein wenig Freude, ich gebe es zu. Eine menschliche Freude, die sicher vollkommen natürlich ist. Ist mit ihr doch die Hoffnung verbunden, dass – zwar, wenn auch nicht mehr mir, weil meine Genetik vorbestimmt ist, dafür aber denen, die nach mir auf diese Welt kommen werden – in Zukunft junge Menschen nicht mehr alle Untersuchungen, alle Therapien und all die Herausforderungen auf sich nehmen müssen, wie es neben mir Millionen andere derzeit tun.

Und doch kam plötzlich die Angst: Eine Welt, auf der nicht mehr Menschen aus natürlicher Zeugung, sondern aus dem Gutdünken und der Tagesstimmung eines Forschers leben und so geschaffen wurden, wie Eltern es sich wünschen. Ja, dann bekommt der Begriff des „Wunschkindes“ ganz neue Bedeutung. Und man stelle sich vor: Kinder wurden dann geschaffen. Im Labor, am Schreibtisch, in Pipetten. Bisher übernahm das Gott, er hatte einen Plan, eine Vision, wie er uns machen möchte und was er mit uns vorhat. Und alsbald soll diese Allmacht in die Hände einiger Wissenschaftler fallen?

Nicht nur die Vorstellung, dass über die wahllose Zusammenstellung der Erbinformationen schlussendlich nicht nur der Ausschluss von Krankheiten möglich sein wird, sondern auch die Schaffung des Menschen mit all seinen Einzelheiten, Persönlichkeit, Körpermerkmale – ein Gedanke, der zum Schaudern anregt. Wie schnell würde das Geschenk des Geheimnisses vergehen? Die Geburt würde nicht mehr zum Augenblick des Staunens, sondern zum Moment des ohnehin erwarteten und vorprogrammierten auf die Welt Kommens eines Kindes, das maßgeschneidert wurde.

Ist bei dieser Perspektive, irgendwann aus Models zu bestehen, aus kantenlosen Geschöpfen, die sich vor lauter Perfektion ihrer eigenen Schwäche nicht mehr sicher wären, einer Menschheit aus Arroganz, einem Wettbewerb um die besseren, schöneren und glanzvolleren Eigenschaften, einem Miteinander, das aus Neid, Egoismus und dem Drang, seine Nachkommen nach eigenem Willen vorherbestimmt und nicht mehr dem Schicksal eines neutralen, eines unparteiischen Machers des Lebens überlassend, besteht, nicht die Vorstellung eine bessere, auch bei noch so schwerem Eingestehen so manches Leid doch zu ertragen?

Stelle ich mir die Waage der Entscheidung vor – auf der einen Seite das Laster von Schmerz und Lied, auf der anderen die Vision der vom Menschen designten Welt – so muss ich mich in meiner Verantwortung für das, was ich in meiner Lebenszeit mitbestimmen kann, dafür aussprechen, lieber Erkrankung zu erdulden, statt mit der Schuld irgendwann von der Erde zu gehen, die Zeit nach mir durch einige wenige Mitgeschöpfe bestimmen und damit eventuell in eine Kälte aus Unmenschlichkeit und in einen Kampf um die ideale Gestaltung der Lebewesen verkommen zu lassen.

Ohnehin: Woran soll der zukünftig vom Lied befreite Mensch reifen, wenn er nicht die Tiefen und Täler des Lebens durchschreiten kann? Auch wenn die Ungerechtigkeit der Verteilung von Schicksal und Last in dieser Welt immer wieder zum Himmel schreit, wäre sie ohne das persönliche Erleben von Dunkelheit leer von Weisheit und Einfühlsamkeit. Leid, der Anstoß zum Überdenken der eigenen Situation, der Impuls zur Dankbarkeit und der Beginn möglicher Umkehr, ist notwendig, um dem Menschen Gefühle und Reflexion zu geben.

Ja, Forscher haben sich nicht nur gewagt, das Territorium Gottes zu betreten und damit in eine Ordnung der Welt einzugreifen, die unser Miteinander im Ausgleich hält, sondern sind offenkundig auch bereit, die Menschheit einer Eigenschaft zu berauben, die schmerzlich zu dulden, aber unumgänglich zum Lernen ist: Leid und Schmerz sind nicht etwas, was weg zu forschen ist. Sie sind Bestandteil eines natürlichen Auf und Ab, das Persönlichkeit und Charakter prägt – dafür braucht es nicht die Phantasie der Wissenschaft.


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