Paperblog geht online mit Schreibfreiheit

14 07 2010

Schreibfreiheit wurde von der deutschen Online Platform Paperblog – das Beste aus Blogs – als einer von 100 deutschsprachigen Blogs vorausgewählt. Alle Blogeinträge von Schreibfreiheit erscheinen somit ab sofort auch auf Paperblog.

zu Paperblog gehts hier


Aktionen

Information

One response

19 07 2010
Prof.Dr. Hans Schieser

Was zuerst kommt….

Die Erfahrung bestätigt, was die Hirnforscher, Lernpsychologen und Pädagogen zwar wissen, aber bei der Erziehung und Bildung kaum zur Kenntnis genommen wird: die ersten Erfahrungen gehen am tiefsten und sind schwer zu „ersetzen“.

Probieren Sie das einmal selber aus: Sie lesen einen Roman und sehen später den Film. Die „Bilder“, die Sie beim Lesen im Kopf haben, und die im Film, passen nicht zusammen.
Schauen Sie zuerst den Film an, und lesen dann den Roman, dann werden Sie beim Lesen die Bilder des Films „sehen“.

Alles, was wir als Kind (bereits vor der Geburt!) hörten, und in den ersten fünf bis acht Jahren sahen und in die Hand bekamen, ist im Unterbewußtsein „gespeichert“. Nur wenig von dem,was wir in diesen ersten Jahren erlebten, wird uns bewußt. In anderen Worten: kaum jemand erinnert sich an das, was in der frühen Kindheit geschah, außer vielleicht besonders traumatische Erfahrungen. Aber in diesen Jahren lernen wir eine Muttersprache, den Umgang mit anderen Menschen und Tieren und Dingen in der Umwelt, ohne es zu „verstehen“.

Wenn in der späteren Kindheit und vor allem in der Jugendzeit neue Erfahrungen dazukommen, die mit diesen ersten Erfahrungen „kompatibel“ (= passend) sind, wird ein „Gleichgewicht“ die intellektuelle und emotionale Entwicklung fördern. Kommen „fremdartige“ (widersprüchliche, schockierende,) Erfahrungen auf das Kind zu, mit dem es intellektuell (verstandesmäßig) und emotional (gefühlsmäßig) nicht fertig wird, entstehen „intra-psychische“ (inner-seelische) Spannungen, die sich immer im Verhalten und oft auch physisch (körperlich) auswirken.

Das hat auch Siegmund Freud erkannt: „Kinder, die [früh] sexuell stimuliert wurden, sind nicht mehr erziehungsfähig: die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Mißachtung der Persönlichkeit des Mitmenschen.“ (S.Freud, Gesammelte Werke, Band 7, Seite 149).
Dies gilt jedoch nicht nur im Bereich der Geschlechtlichkeit, sondern auch bei den Erfahrungen im Alltag, mit Menschen, Tieren und Dingen. Aggressivität (Gewaltbereitschaft) in den Schulen, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz sind Symptome (Anzeichen) von diesen inner-seelischen Spannungen.

Diese Quelle von Verhaltens- und Lernstörungen (nicht nur bei Kindern) ist schon lange bekannt und wurde vor allem in unserer Zeit von Christa Meves in ihren Büchern und Vorträgen aufgezeigt, aber auch die Theorien von Jean Piaget (Intellektuelle Entwicklung), Jerome Bruner (Lerntheorie) und Urie Bronfenbrenner (Soziales Verhalten) bestätigen dies.
Von unseren „Bildungspolitikern“ können wir leider nicht erwarten, daß sie sich mit diesen Dingen wissenschaftlich kundig machen, aber für den „Normalverbraucher“, und vor allem für Eltern und Lehrer(innen) ist es verantwortungslos, wenn sie das nicht wissen wollen.

„Normalverbraucher“ sind wir alle! Wir „verbrauchen“ täglich Informationen und uns vorgestellte (oft vor-gegaukelte“) Tatsachen, ohne das „Verfallsdatum“ oder die „Inhaltsangaben“ zu überprüfen! Kinder und auch wir, selbst noch im hohen Alter, machen Erfahrungen, die entweder mit unserer Intelligenz und unseren Gefühlen „kompatibel“ oder „widrig“ sind, und je nachdem bei uns ein „Gleichgewicht“ (Harmonie, Zustimmung, gutes Gefühl) oder diese intra-psychischen Spannungen („ungute“ Gefühle, Ärger, Verwirrung) erzeugen.

Man kann nicht alle Erfahrungen von vornherein ausschalten, oder wenigstens überprüfen, aber wir können uns bemühen, die „ersten Erfahrungen“ eines Tages zu planen, indem wir am Morgen nicht zuerst die Zeitung lesen, oder die Nachrichten am Radio oder im Fernsehen „mitbekommen“, sondern etwas Schönes, Gutes und vor allem Wahres auf uns zu kommen lassen. Das kann eine gute, harmonische Musik, oder die „Tageslosung“ oder Bibel* sein, oder einfach ein Blumenstrauß und eine brennende Kerze auf dem Frühstückstisch und ein gutes Gespräch. Diese „Erst-erfahrung“ wird nicht nur für ein Kind, sondern auch für den Erwachsenen vor allen im Tagesverlauf kommenden Erfahrungen den „Platz“ einnehmen, und die „Einstellung“ beeinflussen.

Die Amerikaner sagen oft, wenn ihnen jemand am Morgen eine gute Nachricht mitteilt: „you made my day!“ (Du hast mir den Tag „gemacht“). „Machen“ wir doch für uns und unsere Kinder und Mitmenschen jeden Tag, in dem wir selber mit einer guten Erfahrung den Tag beginnen — und nachher, am Abend, auch ausklingen lassen!
Da wäre auch noch der Rat von Sören Kierkegaard (1813-1855):
Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben, ist krank!
Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du?
Ich würde antworten: Schaffe Schweigen! Bringe die Menschen zum Schweigen!“

*Nein, es muß nicht unbedingt die Bibel oder etwas „Frommes“ sein, obwohl sich gerade dies erfahrungsgemäß bewährt hat, aber auf keinen Fall sollten uns die „Medien“ die ersten Erfahrungen bei Tagesbeginn liefern!

Prof.Dr. Hans Schieser
Prof.em. DePaul University Chicago

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: