Katholischer Geistlicher hat die Zölibats-Diskussion „satt“

5 03 2011

Kommentar über das „Wort zum Sonntag“ vom 19. Februar 2011

von Dennis Riehle

Sie ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen und erfreut sich einer beständig konstanten Einschaltquote: Jeden Samstag stimmen evangelische und katholische Theologen die Zuhörer in ihrem fünfminütigen „Wort zum Sonntag“ in aktuelle Debatten ein, erläutern Bibelzitate oder rechtfertigen soziales Engagement.

Am 19.02.2011 war der katholische Geistliche Monsignore Wahl aus Trier an der Reihe. Bereits seine ersten Sätze ließen einen eindeutigen Standpunkt erahnen: Er habe die Zälibats-Diskussion „satt“. Der gespannte Zuseher kombinierte rasch. Entweder stand die aktuelle Ausgabe der Sendung unter dem Titel „Die Verteidigung des Zölibat“ – oder sie passte sich dem Druck der ein- bis zweihundert katholischen Professoren an, die dieser Tage Reformen (und damit unter anderem die Abschaffung des Zölibat) von der katholischen Kirche einforderten.

Zunächst wählte Wahl den „Schmusekurs“, um es sich mit niemandem zu verderben: Sich für Enthaltsamkeit zu entscheiden, sei eine persönliche Angelegenheit. Und doch müsse man die verstehen, die sich zum Pfarrdienst berufen fühlten und mit der zölibatären Pflicht dennoch nicht zurecht kommen würden. Verständnis für alles und jeden – man passt sich eben an, um einen klaren Standpunkt vermeiden können.

Doch aus dem Hin und Her, dem ein wenig Pro und auch ein Stück weit Contra folgte die Ansage, die man insgeheim schon vermutet hatte: Wahl betonte auf Grundlage der Argumentation, dass die Rechte der Persönlichkeit eben auch für Priester gelten, seine Ansicht für eine Freistellung vom Zölibat. Statt an dieser Stelle sogleich von der Abschaffung zu sprechen, ging Wahl den Weg des Diskurses und der Verwirrung: Jedem Anwärter auf ein geistliches Amt frei zu stellen, ob er seine Zukunft zölibatär gestalten wolle oder nicht, bedeutet übersetzt nichts Anderes als den Verzicht auf den Zölibat.

Um die „Konservativen“ nicht ganz zu erschüttern, den „Liberalen“ aber so weit wie möglich entgegen zu kommen, wählte Wahl offenkundig bewusst eine Formulierung, die beim ersten Hören auf nicht allzu viel Gegenwind stoßen sollte.

Er habe die Debatte „satt“, weil nicht jedem Priesterkandidaten zugestanden würde, sich in persönlichem Entscheid zum Zölibat frei und ohne Druck für eine respektvolle und zu würdigende Form der Alltagsgestaltung zu bekennen. Bekannt hat sich Wahl damit aber selbst: Eine Freistellung (Abschaffung) des Zölibats würde wohl nach seiner Einschätzung eine für ihn unsägliche und „nervende“ Diskussion zu einem Ende bringen – die Auseinandersetzung mit Für- und Gegensprechern wäre abgeschlossen, man wäre den Weg des geringsten Widerstandes gegangen: indem man eine Debatte im Keim erstickt, die herausfordern würde und bei der man schlussendlich nicht um eine eindeutige Positionierung herum käme. Das wäre mühsam – und damit unbeliebt.

Unbeliebt sei die Diskussion bei Wahl aber auch deswegen, weil sie wichtigere Themen verdränge: Atompolitik, Arbeitslosigkeit und Frieden – all das würde von der innerkirchlichen Debatte um Zölibat und Reformen überlagert. Das, was wirklich bewegt, trete in den Hintergrund, und ließe den internen Streitigkeiten der katholischen Kirche den Vorrang.

Wahl scheint dabei nicht begriffen zu haben, dass die Diskussion um Zölibat viel mehr Dimensionen umfasst, als er sich denken mag. Denn sie macht deutlich, was für jeden zukünftigen Diskurs, sei es um kirchliche oder eben weltliche Angelegenheiten, von absoluter Bedeutung ist: Wer sich weigert, sich einer Debatte zu stellen, die schwierig ist und nicht mit einem „Basta“ oder lauwarmen Kompromiss beendet werden kann, wird auch nicht in der Lage sein, sich in allen bedeutsamen Schlagabtauschen der Zukunft mit einer klaren, bekennenden und gefestigten Stimme auf Wurzeln, Fundament und Beständigkeit zu berufen. Wer jetzt in der Zölibats-Debatte einen übereilten Schluss zugunsten eines scheinbaren Mittelweges fordert, zeigt wenig Bereitschaft, mit Überzeugung Werte und Normen zu verteidigen. Aber genau das müssen auch die können, die in der nächsten Zeit um Armut, Kriege oder Energiepolitik sprechen werden.

Schlussendlich fragt man sich, ob die „Wort zum Sonntag“-Redaktion überhaupt einen Text geduldet hätte, der eindeutige Kante gezeigt hätte. Im Einklang mit einer Bewegung, die mit scheinbaren Reformen Traditionelles aus den Angeln heben will, war es wohl gewollt, dass am Ende eine Botschaft an die Zuhörer ging, die voll und ganz auf Linie derer ist, die meinen, sich als Basis zu verstehen und damit das Recht besitzen, Bewährtes im Alleingang außer Kraft setzen zu können.


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5 responses

5 03 2011
Felizitas Küble

Ein sehr guter und klarsichtiger Kommentar!
Tatsächlich kommt es darauf an, daß Christen – ob katholisch oder evangelisch – klar Flagge zeigen und sich zu ihren Werten und Idealen bekennen und sie begründen, statt sich den Wünschen des Zeitgeistes anzubiedern.

10 03 2011
Werner Rüegg

Wie wahr hat doch der Autor des Artikels.

17 03 2011
Siwla

Mich stört allerdings die häufig anzutreffende Gleichsetzung

Zölibat der Priester = Rechtgläubigkeit

Ich lese immer wieder von und über zölibatär lebende Priester, die wesentliche Teile des katholischen Glaubensgutes in Frage stellen.
Anderseits kenne ich viele verheiratete Menschen, die das volle Glaubensgut der katholischen Kirche annehmen und auch ihrem Glauben entsprechend leben.

Der Zölibat der römisch katholischen Priester ist zwar seit Jahrhunderten eingeführt und hat sich bestimmt auch vielfach bewährt, aber er kann nicht als Kriterium für Rechtgläubigkeit gelten.
Ich bitte die beiden Dinge auseinanderzuhalten – um der intellektuellen Redlichkeit willen.

27 05 2011
Stephan Meier

Einen solchen Stuss habe ich schon lange nicht mehr gelesen!
Der Autor des Artikels ist evangelischer Christ. Sollte er sich für den Zölibat interessieren, kann er ja zur katholischen Kirche konvertieren. Ansonsten steht es ihm wohl gut an, von Dingen, von denen er keine Ahnung hat, die Finger zu lassen!

27 05 2011
Felizitas Küble

@Siwia
Nach meinem Eindruck hat der Autor den Zölibat durchaus nicht mit Rechtgläubigkeit gleichgesetzt, denn es ist klar, daß es Zölibatäre gibt, die zugleich Irrlehrer sind – und Verheiratete, die wirklich rechtgläubig denken.

D. Riehle wollte darauf hinweisen, daß die katholische Kirche eine bewährte Tradition wie den Zölibat nicht oberflächlich auf dem Altar des Zeitgeistes opfern sollte in der irrigen Annahme, dadurch das Wohlwollen etwa der Medien zu erreichen – diese gehen zum nächsten Thema über, fordern dann weitere „Reformen“, etwa die Einführung des Frauenpriestertums, Bejahung homosexueller Verpartnerungen etc.
Wenn die kath. Kirche in puncto Zölibat ihre Festigkeit aufgäbe, würden die „Erwartungen“ immer heftiger geäußert und die Kirche völlig in die Defensive geraten. Es wäre also insgesamt eine Minus-Strategie!

@Stephan Meier
Der Autor versteht vom Zölibatsthema offenbar mehr als Sie.
Was hat das mit der Konfession zu tun?
Ich weiß aus Erfahrung, daß es Katholiken contra Zölibat und Evangelische pro Zölibat gibt.
Es stände Ihnen gut an, sachlich zu argumentieren, statt flachsinnige Floskeln loszulassen.

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