Sonntagsschutz darf nicht zur Debatte stehen

15 08 2012

Aus der FDP kommen neuerliche Überlegungen, den Sonntagsschutz zu lockern. Wirtschaftsminister Rösler und Teile der niedersächsischen Liberalen haben sich dafür ausgesprochen zu prüfen, ob und in wie weit gerade im Dienstleistungssektor für Kunden und Betriebe Vorteile geschaffen werden könnten, wenn künftig ein Einkaufen an sieben Tage die Woche möglich wäre. Außerdem argumentieren die Freien Demokraten mit dem ohnehin in vielen Berufszweigen gängigen Bestand des sonntäglichen Arbeitens, in Rettungsdiensten oder in Schichtwerken der Autoindustrie. Ein abgeflachtes Sprichwort scheint in Anlehnung noch immer brandaktuell: „Was du sonntags kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“.

Wieder einmal hat die FDP gezeigt, dass ihr Profit und Leistung mehr wert sind, als die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Nachweislich haben Studien zutage geführt, dass die zunehmende Arbeitsbelastung in Deutschland nicht nur das Privatleben zerstört, sondern eklatant den Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und seelischen Leiden wie Depressionen und Erschöpfungssyndrome befördert. Besonders das unregelmäßige und unrhythmische Arbeiten führt bei vielen Menschen zu pathologisch relevanten psychosomatischen Schwierigkeiten, geregelte Erholungsphasen werden Mangelware, der Körper ist ohne einen beständigen Ruhetag in dauerhafter Anspannung.

So muss die europaweite Forderung nach dem Schutz des Sonntages jetzt mehr denn je in die Öffentlichkeit getragen werden. Beispiele aus anderen Ländern zeigen: Dort, wo sonntags Geschäfte öffnen, bleibt die Kaufkraft unerwartet unverändert. Umsätze verteilen sich stärker, bringen insgesamt aber nicht mehr Gewinn ein. Das bestätigen auch Umfragen unter den Deutschen: Zwar können sich viele Menschen vorstellen, dass Shopping am Sonntag für Berufstätige attraktiv wäre; aus Rücksichtnahme vor den Angestellten können die meisten aber gut darauf verzichten. Verkaufsoffene Sonntage haben in vielen Städten ihren Reiz verloren – und das nicht nur, weil Überfüllung und Andrang das lockere Freizeitgefühl zunichtemachen.

Man muss nicht zwingend auf die Bibel und ihre zehn Gebote blicken, um zu verstehen, dass die Ruhe an einem Tag in der Woche Sinn bringt. Es gilt nicht nur, Gott zu ehren, sondern sich eben auch selbst ein Tempel zu sein. Mindestens sonntags ist es die Gelegenheit, zu Einhalt zu kommen und Besinnung zu finden. In einem immer schneller werdenden Alltag fehlen die Möglichkeiten für geistige Oasen, für das Innehalten und Überdenken. Der freie Tag der Woche ist der, der nicht von Routine und Zwang geprägt ist, keinen Takt und keine festgezurrte Struktur haben soll. Er ist der Tag, an dem Genuss und Zeit für die Psychohygiene Vorrang haben, an dem eben nicht Erfolgsstreben und Druck das Maß der Dinge sind. Ob der Besuch des Gottesdienstes oder das Baumelnlassen der Sinne – der Sonntag ist höchst privat und persönlich. Er braucht keinen Eingriff von außen, ein neues Angebot an Hektik und Preiskämpfen. Gott selbst war es, der gewusst hat: Wer sechs Tage lang auf Touren ist, der braucht einen weiteren, um zu bewundern, zu bestaunen und dankbar zu sein.

Ganztagsschule, Vollzeitarbeit und Dauerpräsenz am Handy: Familien sind es, die heute kaum noch Raum haben, sich einander zu begegnen. Der Verlust an Miteinander schwächt auch und ganz besonders den Vorbildcharakter, den das Fundament unserer sozialen Gesellschaft einnimmt. Familien sind es, die Zukunft bringen und Barometer für das Entwicklungspotenzial eines Landes bleiben. Wo ihnen das Vertrauen verloren geht, wo Erziehung allein auf die Abendstunden verschoben wird, wo Gemeinschaft für ein glückliches Heranwachsen auf ein „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ eingeengt wird, da kann keine Energie, keine Ermutigung und kein Anschub für die Herausforderungen des Lebens sein. Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zuwendung – der Sonntag ist der Augenblick, an dem Liebe spürbar wird. Und er ist der Tag, der zusammenschweißt und das Modell „Familie“ wieder attraktiver macht. Beruf und Familie zu vereinbaren, das beginnt am Sonntag.

Und da braucht es Vater und Mutter, die nicht an der Kasse sitzen, die Präsentation vorbereiten oder den Wagen zusammenschrauben. Arbeitskräfte wertzuschätzen bedeutet auch, ihnen genug Gelegenheit zu geben, wieder neu auftanken zu können. Verantwortung von Arbeitgebern macht sich dort erkennbar, wo Einsicht herrscht über die Wertsteigerung, die ein freier Sonntag für jeden Beschäftigten bringt. Ohne geladene Akkus aus Sonntagserfahrung lässt es sich weniger effektiv und produktiv wirken – das sehen nicht nur Studien so, sondern bestätigt jeder, der auf seine Auszeit nicht verzichtet. Der Sonntag ist heute flexibel geworden – doch das Grundrecht auf den freien Tag bleibt unbestrittener Anspruch für jeden. Wir müssen dankbar sein über die, die für Kranke oder Hilfesuchende ihren Sonntag auf einen anderen Tag in der Woche verschieben. Dass jeder zu seinem Recht auf 24 Stunden Abstand kommt, müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch scheinbar gibt es wenige, die daran zweifeln. Wie es aussieht, gehören sie entweder zur FDP – oder zu denjenigen, die Menschenwürde hinter den Kommerz einreihen. Aber glücklicherweise zeigen die Umfragen: Beides scheint momentan keine Konjunktur zu haben…

Dennis Riehle


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