Dummheit

6 03 2014

Meine Bibellesung führte mich vor einiger Zeit zu einer überraschenden Entdeckung.

Dabei ist es ja nicht so, daß man nicht auch in vermeintlich wohlvertrauten Bibelpassagen immer wieder etwas neues entdecken würde. Das ist aber besonders der Fall, wenn man den griechischen Text oder die (durch die Kirche als „authentisch“ deklarierte, somit maßgebliche) lateinische Vulgata heranzieht. Die erwähnte überraschende Entdeckung bezog sich auf eine altbekannte Stelle, die ich für meine Meditation in den Versionen Griechisch und Latein konsultiert hatte.

In der Einheitsübersetzung (die man leider guten Gewissens nur sehr bedingt empfehlen kann, die Einleitungen gar nicht) heißt es also bei Mk 7, 20-23:

Weiter sagte [Jesus]: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.

Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,

Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.

All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

 

Wenn man sich den lateinischen und griechischen Text ansieht, steht für das in allen gängigen deutschen Übersetzungen verwendete „Unvernunft“ stultitia bzw. aphrosyne.

Stultitia ist aber viel härter und pointierter, als es „Unvernunft“ nahelegt. „Unvernunft“ klingt ja fast ein bißchen entschuldigend. Einem Kind oder Jugendlichen z. B. sieht man manche „Unvernunft“ gerne nach. Alles andere wäre überzogen.

Aber es geht um etwas anderes. Zu der hier angeprangerten Fehlhaltung sagte man früher „Torheit“. Heute sagt man „Dummheit“. Der stultus ist ein „Narr“, ein „Blödmann“, umgangssprachlich ein „Depperter“.

Es stellen sich dann die Fragen: Kann diese Eigenschaft Sünde sein, und wenn ja, wie? Oder: Macht uns die Dummheit tatsächlich innerlich „unrein“?

Nun, es ist wie mit den anderen Begriffen aus der Tugendlehre, mit Tugenden und Lastern: Sie sind heutzutage kaum mehr verständlich. Die Manipulation des Denkens durch die diskreten, subversiven Zirkel hat sich als weitgehend erfolgreich erwiesen. Schauen wir nur beispielsweise auf die Kardinaltugenden: „Klugheit“ ist eliminiert, „Gerechtigkeit“ in staatliche Konfiskation des Privateigentums und Verteilung an bestimmte Klientelen umgelogen, „Tapferkeit“ kommt als Ausdruck fast nicht mehr vor, allenfalls zeigt jemand „Mut“ oder „Zivilcourage“, wenn er gegen – sicherheitshalber inexistente – „Neonazis“ auf die Straße geht, „Mäßigung“ ist nur mehr im Zusammenhang mit „Ernährungssünden“ relevant.

Oder auf die theologischen Tugenden: „Glaube“ kann sich auf alle möglichen und unmöglichen Überzeugungen beziehen, „Hoffnung“ auf innerweltliche, politische Utopien, „Liebe“ ist praktisch nur mehr „Sex“.

Die Wahrheit der Tugenden ist also verdeckt worden. Die Laster sind als solche aus dem Bewußtsein vertrieben worden – „Sünde“ gibt es ja nicht mehr – und werden derzeit allenfalls (und immerhin) als psychiatrische Phänomene wieder thematisiert. 

 

Um also zu unserem Thema zu kommen:

Ein erstes intuitives Verständnis von „Dummheit“ zeigt uns, daß es sich um ein „Laster“ handelt, nämlich um eine Haltung, die sich aus moralisch verwerflichen Gründen (Trägheit, Unaufmerksamkeit, Flucht vor dem Gewissen und dem Anspruch Gottes) gegen die Kenntnisnahme notwendiger Informationen sträubt. Eine Haltung, die also nicht wissen will. Das ist sicher als „deppert“ zu bezeichnen.

Damit können wir auch schon einmal festhalten, was „Dummheit“ nicht ist: „Dummheit“ ist nicht von vorneherein der Mangel an formaler oder gar akademischer Bildung. (Sie wäre es aber dann, wenn aus eigener Ignoranz die Chance auf Bildung verspielt wurde.) Viele Intellektuelle und Professoren sind leider Gottes dumm. Dummheit ist somit auch nicht der Zustand einer Krankheit oder Behinderung.

Im Zusammenhang mit zitierter Bibelstelle und mit der gesamten Tugend- und Lasterlehre der katholischen Tradition schlage ich zu definitorischen Zwecken folgende drei Facetten des Wesens von Dummheit vor:

Dummheit ist (1) die moralisch verwerfliche Weigerung, seinen eigenen Seelenzustand, sein Gewissen, wirklichkeitsgemäß zu betrachten und zu prüfen. Sie ist (2) die Weigerung, die eigene Person zu entfalten und damit dem Schöpfungsauftrag Gottes zu entsprechen und die „Talente“ zur Ehre Gottes, zum Wohl und Heil des Nächsten und zum eigenen Heil einzusetzen. Sie ist (3) schließlich die Weigerung, die von Gott geoffenbarten und zur Verfügung gestellten Mittel zur Erlangung des endgültigen Heils (Sakramente, Gebet, Bibellesung, Fasten, Werke der Nächstenliebe) zur Kenntnis nehmen und einsetzen zu wollen.  

Wenn man diese Kriterien anlegt, wird man den Schluß ziehen müssen, daß eine große Anzahl von Zeitgenossen im Zustand der Dummheit lebt. Das eigene Innenleben zu ignorieren, ist eine unausweichliche Folge des Konsums der Massenmedien. Hier werden viele überflüssige (und falsche) „Informationen“ eingesaugt, aber das „eine notwendige“ (Lk 10, 42) nicht zur Kenntnis genommen. Es ist die für unsere Zeit charakteristische „Flucht vor Gott“ (Max Picard, 1934).

Die Oberflächlichkeit als Flucht vor dem Anspruch, dem eigenen Gewissen, damit der Stimme Gottes, Raum zu geben – das ist die Situation unserer Zeit. Die kostbare Lebenszeit vor dem Fernsehgerät zu verschwenden, ist Dummheit. Es ist Dummheit, eine änderbare Lebensführung nicht zu ändern, die Gewissensbisse auslöst (oft als „Krankheit“ getarnt) und unglücklich macht. Dummheit ist, der Lüge zuzustimmen und nicht für die Wahrheit einzutreten, wo man es könnte.

Es ist äußerste Dummheit, angesichts der ewigen Wahl zwischen Himmel und Hölle unachtsam, gleichgültig und desinteressiert zu sein.

In diesem Sinne ist das Gegenteil von Dummheit eben nicht, wie schon gesagt, die formale oder akademische Bildung, sondern die Klugheit. Das ist diejenige Tugend, die erste der vier Kardinaltugenden, die mir hilft, die allgemeinen ethischen Prinzipien im Hinblick auf die Erlangung des eigenen Heils auf die konkrete Situation anzuwenden.

Um hier eine Geläufigkeit zu erlangen, bedarf es großer Aufmerksamkeit und Übung. Die Aufmerksamkeit filtert aus der Masse an Sinneseindrücken und Informationen heraus, was wirklich wichtig ist – im Hinblick auf mein ewiges Ziel.

In diesem Sinne ist auch Aufmerksamkeit das Gegenteil von Dummheit, die inhaltlich und etymologisch mit „Dumpfheit“ verwandt ist. Das wache Interesse an der Wirklichkeit, vor allem an der Wirklichkeit des eigenen Seelenlebens und Gewissenszustandes, immunisiert gegen die Dummheit, fördert die Klugheit, und läßt den Klugen sicherer das ewige Ziel seines Lebens erreichen.

Das wird es sein, was der Herr meinte, wenn er die „Unvernunft“ oder „Dummheit“ in eine Reihe mit anderen Fehlhaltungen stellte, die zunächst weitem schwerwiegender und dramatischer klingen (Mord, Ehebruch, Verleumdung). Aber sie benötigen eben in gewisser Weise die stultitia.

Darum heißt es auch: „Die Toren sagen in ihrem Herzen: Es gibt keinen Gott“ (Ps 14, 1; Ps 53, 2). Aus dem Atheismus der Toren folgen die anderen Fehlhaltungen. Dabei bedarf es keineswegs des elaborierten theoretischen Atheismus des 19. Jahrhunderts, es ist auch der praktische Atheismus der alltäglichen Gottvergessenheit unserer Zeit, der aus der Torheit stammt und zu ihr führt. Die fünf törichten Jungfrauen im Gleichnis (Mt 25, 1-13) haben nicht vorausschauend gehandelt. Bei der Ankunft des Herrn waren sie nicht vorbereitet.

Eine ernste Mahnung an den Leser!  

Der Beginn der vorösterlichen Bußzeit ist ein hervorragender Zeitpunkt, die Haltung der Aufmerksamkeit für das Wesentliche, die christliche Klugheit und die Wissenschaft des Wortes Gottes neu zu kultivieren.

Schon seit alters wird Maria, die Mutter des Herrn, unter dem Titel sedes sapientiae, Sitz der Weisheit, angerufen. Möge sie allen, die ernstlich aus der Dumpfheit des Dahinlebens aufbrechen und sich um die Wahrheit bemühen wollen, eine wirksame Hilfe sein.


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4 responses

6 03 2014
profschieser2013

Nur eine „Fussnote“ zum Thema DUMMHEIT.
Das Lateinische Wort „stupiditas“ weist auf das Phänomen des „Stupor“ (= Starre, Lähmung) hin: beim Menschen kann es vorkommen, dass sein Gehirn „gelähmt“ wird – „erstarrt“. Das beobachten wir zB bei unseren Politikern…

Thomas von Aquin spricht von der „acedia“ (oft mit „Faulheit“ übersetzt), was auf den willentlichen Verzicht, die Intelligenz (und seine Talente) zu benützen, hinweist. Auch das beobachten wir zuweilen bei Politikern (und sogar bei Bischöfen), dass sie ihr „Hirn“ nicht benützen.
Thomas nennt zwei grosse „Mysterien“: das „Mysterium iniquitatis“ (Bosheit) und der „Stupiditatis (Dummheit). Beides kommt oft zusammen vor — auch bei jedem von uns, wenn wir nicht aufpassen!…

7 03 2014
Assemani

Vielen Dank für Ihre wertvolle Ergänzung!

Die Etymologie hätte hier auch noch gut hineingepaßt (wiewohl man natürlich nicht zu lange Artikel schreiben darf).

Der „stupor“ kann – wenn es sich nicht um eine physische Krankheit handelt – eben auch selbstverursacht sein: Man schaut weg, will es nicht wissen, will sich nicht entscheiden – und gerät immer mehr in eine Art selbstverursachter Schreckstarre. Die prudentia ist aber agil.

Bei der akedía gebe ich Ihnen insoweit recht, als es sich um eine selbst verschuldete Trägheit handelt. Die andere Bedeutungsfacette von akedía ist jedoch, daß jeder ernsthafte Christ, besonders der Ordenschrist (die Mönche haben eben am meisten darüber geschrieben), immer wieder von der Freudlosigkeit und Trockenheit gepeinigt wird. In diesem Fall ist es eine – nicht schuldhafte – Versuchung. Die Frage ist eben dann, wie er sich dazu verhält.

Wichtig ist Ihr Hinweis, daß Thomas sogar von mysterium stupiditatis schreibt. Das wußte ich nicht. Hätten Sie ggf. eine Quelle? Danke.

7 03 2014
profschieser2013

Quelle bei Thomas von Aquin: habe ich im Moment leider nicht. Das wurde mir (öfters) von meinen Philosophie-Professoren (Würzburg, Passau,Tübingen und Chicago) „zitiert“ — aber leider ohne jeweilige genaue Quellenangabe. Jetzt suche ich das aber mal selber.

7 03 2014
siwla

Danke für die kluge Erörterung.
Als Dummheit habe ich in den vergangenen Tagen z.B. die Äußerungen von Andrä Rupprechter empfunden – siehe bei Unterberger.
http://www.andreas-unterberger.at/2014/03/die-selbstzerstoerung-der-ovp/#sthash.rmsxPPqg.dpbs

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