Der Hang der Linken zum Entmündigen und Bevormunden

9 06 2015

Und das Problem heißt Paternalismus. Oder mit anderen Worten: der Zwang zur Anmaßung, stets für die Mitmenschen vordenken zu müssen. Eigentlich ein Herrschaftsinstrument zur Legitimierung des eigenen höheren moralischen Standpunkts. Damit einher geht die Unterdrückung jener, denen die Eigenverantwortlichkeit abgesprochen wird.

Das Konzept des „edlen Wilden“ ist seit den Zeiten von Jean-Jacques Rousseau salonfähig in linken Kreisen. Weil nämlich jedes natürlich unbehindert gewachsene Lebewesen erst durch den Kontakt mit der Zivilisation (bzw. dem Kapitalismus) entwurzelt und destabilisiert werde. Das Konzept ist ein Universalwerkzeug und lässt sich leicht justieren. Es passt vom arbeitenden Hackler bis zum illiteraten Einwanderer.

Einhergehend mit der dürftigen Schreib- und Lesekompetenz, dem wachsenden Analphabetismus und der größer werdenden Negation von Literalität sind die Schuldfaktoren woanders zu verorten. Das lässt sich regelmäßig anhand der TV-Serie „Tatort“ studieren und inzwischen in nahezu jedem linken Kunstwerk ablesen.

„Gesellschaft“ als Sündenbock

Als Sündenbock eignet sich, nicht erst seit Rousseaus Zeiten, die „Gesellschaft“. Darunter sind heutzutage weiße, heterosexuelle Männer mit Steuerzahlervordergrund zu verstehen. Und damit die Bevormundeten dem ideologischen Überbau nicht in die Parade fahren oder anderswie in die Quere kommen, muss die Mandantschaft still gehalten und gegebenenfalls zu Kadavergehorsam im Sinne einer Antifa-Randale vergattert werden.

Es soll nicht zu deren Schaden sein. Und die eigenen Reihen profitieren auch, mit der Diskurshoheit im Sinne des Klassenkampfes. Als Gewinn winkt eine eingeschüchterte Klasse der Leistungsträger, die zusehends in die Defensive gerät (und aus Notwehr falsch wählt). Inzwischen wird so getan, als sei jemand, der jahrzehntelange seine Solidarbeiträge abliefert, ein Unmensch, der andere ausbeutet.

Dabei ermöglichen diese deftigen Zuschüsse erst jene notwendigen Sozialtransfers, die füllhorngleich zur Ruhigstellung umverteilt werden – bevorzugt von jenen Vordenkern, die am lautesten schreien, sobald sie sich privilegiert auf den höheren moralischen Standpunkt zurückgezogen haben.

Verantwortung m.b.H.

Jede paternalistische Denkweise richtet sich gegen den Willen zur Eigenverantwortung. Selbst wenn sie auf das vermeintliche Wohl der Mitgedachten abzielt, wird sie von den Adressaten häufig als reine Bevormundung angesehen.

Der Frühsozialist Robert Owens, auf den der politische Begriff „Paternalismus“ zurückgeht, meinte es sicherlich gut, als er Anfang des 19. Jahrhunderts als Fabrikleiter einer Baumwollfirma daranging, für die Unterdrückten seines Betriebes mitzudenken und Forderungen in deren Sinne zu erheben. Neben menschlicheren Arbeitsbedingungen fiel darunter auch eine Alkoholbeschränkung.

Er war seiner Zeit voraus, als er eine Sozialpolitik anstieß, die diesen Namen auch verdient. Gewerkschaftliche Vertretungen übernahmen Owens‘ Katalog an Forderungen mehr als 30 Jahre später. Sie erkannten im Lauf der Zeit, dass das Eintreten für die Rechte anderer eine lohnende Betätigung sein kann. Für den damit verbundenen Blutzoll bis zur Umsetzung durfte dann aber wieder die ursprüngliche Gruppe den Kopf hinhalten.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Um zu bevormunden, muss zuerst entmündigt werden. Aber die Bevormunder und Entmündiger übernehmen – wenn überhaupt – nur Verantwortung mit beschränkter Haftung.

Karl Weidinger (*1962) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien und im Burgenland. Sein Anliegen ist die Gesellschaftskritik.


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One response

11 06 2015
Alwis

Ganz richtig beobachtet bzw. stimmt mit meinen Erfahrungen überein. Unter den Linken ist diese besserwisserische, belehrende Einstellung besonders weit verbreitet.
Mir fällt das vor allem im Bereich Familie/Kinderbetreuung auf.

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